Kultur : Napoleons langer Arm

Wie das Museum in Deutschland entstand

Bernhard Schulz

Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland verdankt sich zu einem nicht geringen Teil der napoleonischen Besetzung und der Beutezüge des Diktators. Darüber hat Bénédicte Savoy, Professorin an der Technischen Universität, 2003 ein zweibändiges Standardwerk vorgelegt, das vor allem den radikalen Wandel vom Weltbürgertum zum Patriotismus unter dem Eindruck des Impérateur deutlich machte. Als das napoleonische Europa 1815 endgültig zusammenbrach, stand in Deutschland zumindest der Wunsch nach einem Nationalstaat auf der Tagesordnung.

Dazu kam es nicht; wohl aber zu den Museen, in denen die nunmehr dem Kulturellen zugewandte Nation sich wiedererkannte. Mit ihren Studenten hat Professorin Savoy unterdessen das Forschungsvorhaben „Tempel der Kunst. Die Entstehung des öffentlichen Museums in Deutschland 1701-1815“ abgeschlossen, das die vielgestaltigen Wege zum Museum in Deutschland nachzeichnet.

„Ich komme gerade aus Kassel, lieber Freund, wo ich eine reiche Ernte an herrlichen Dingen gemacht habe“, schreibt Vivant Denon, der Kunsteinsammler und Hausgott des Pariser Louvre, 1807 an seinen Herrscher: „Sie ist viel umfangreicher als das, was ich mir von Deutschland erhofft habe.“ Da muss pure Unkenntnis im Spiel gewesen sein. Denn was Savoy und ihr Team für das Jahrhundert vor Napoleon aufdecken, ist geeignet, unser Verständnis von der Entstehung der deutschen Museumslandschaft gründlich zu verändern. Nicht 1830, als Schinkels (Altes) Museum in Berlin und Klenzes (Alte) Pinakothek in München um den Rang als erstes nationales Museum Deutschlands wetteiferten, wird künftig zu erinnern sein, sondern ein so unscheinbares Datum wie 1701.

Freilich, unscheinbar war auch dieses Datum, historisch gesehen nicht; der brandenburgische Kurfürst stieg soeben zum König „in“ Preußen auf. Aber an einem Ort, der gar nicht mehr existiert, in Salzdahlum in der Nähe des Herzogssitzes Braunschweig nämlich, öffnete die erste Gemäldegalerie für einen wenn auch eingeschränkten Publikumsverkehr. Die erste Beschreibung dieses „herrlichen, nach neuester Art erbauten Lusthauses“ stammt aus dem Jahre 1709, und es ist ein Verdienst des voluminösen Forschungsbandes, dass er zu jedem seiner aufgeführten Museen solche zeitgenössischen Berichte mitliefert.

Die Definitionsschwierigkeiten des „Museums“ lassen Raum für kontroverse Diskussionen. War das nun Dresden, wo ab 1745 später Besucher in eigens gestalteten Räumen zugelassen waren (Goethe äußerte sich nicht eben emphatisch darüber), war es Wien, wo der Obere Belvedere – noch heute Museum – in herrlicher Aussichtslage eine Art öffentliches Lustschloss bildete? Oder war es, natürlich, das Museum Fridericianum in Kassel, seit Jahrzehnten Hort der Documenta, das ab 1749 vom französischen Hofarchitekten Simon Louis du Ry als aufgeklärtes Museum errichtet wurde, samt Hängung nach Schulen und Bilderverzeichnis?

„In der zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich diese Institution in einem großen und fruchtbaren Durcheinander“, bemerkt Thomas Gaehtgens – der Gründer des Deutschen Forums für Kunstgeschichte in Paris – und legt damit den Vergleich zur Vorgeschichte der Französischen Revolution nahe, die 1789 nicht urplötzlich ausbrach, sondern ein halbes Jahrhundert bürgerlicher Vorgeschichte aufweist. Die nationale (Eigentums-)Frage ist eng damit verknüpft. Talleyrand soll gegenüber Napoléon zu Dresden gesagt haben, mit der Wegnahme von Gemälden würde sich der Impérateur „mehr erlauben, als der König von Sachsen selbst“, denn „er respektiert die Galerie als ein nationales Eigentum.“

Es ist ein weitgehend unbekanntes, ein Staunen machendes Kapitel, das die TU-Forschergruppe hier aufgeschlagen hat. Wer könnte sich schon vorstellen, dass die deutsche „Museumslandschaft“ – wie wir sie heute nennen würden – sogar der italienischen der Vorzug gegeben wurde? Napoleons Beutezüge haben dann einen anderen, nationalfixierten Museumstyp hervorgebracht, von dem sich zu lösen wieder fast ein Jahrhundert vonnöten war. Dass es aber von Düsseldorf bis Potsdam, von Göttingen bis Wien eine – zumindest für damalige Begriffe – überaus reiche Museumslandschaft gab, ist das überraschende Ergebnis des höchst anschaulichen Monumentalwerkes. Der deutsche Kulturföderalismus ist tatsächlich ein Erbstück höchster Güte.

Bénédicte Savoy (Hrsg.): Tempel der Kunst. Die Geburt des öffentlichen Museums in Deutschland 1701-1815. Mainz, Verlag Philipp v. Zabern 567 S., 59,90 €.

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