Kultur : Napster: Frechheit siegt

Gregor Dotzauer

Legal, illegal, scheißegal: Noch tobt in den Chat-Foren die Wut der Fans auf die "strategische Allianz", die Napster mit Bertelsmann vorgestern angekündigt hat. Sie machten sich Luft mit Wörtern wie "Betrug" und "Lüge", als ginge es um den Verrat an einer politischen Idee. Abgesehen davon, dass Musiker einen Anspruch auf den Schutz ihrer Rechte haben, sollte niemand glauben, dass Napster-Gründer Shawn Fanning, der einsame Krieger gegen die Bataillone der Musikindustrie, nur wegen all der Prozesse, die er am Hals hat, in das Geschäft eingewilligt hat: Schließlich arbeitet jedes zweite Internet-Startup darauf hin, aufgekauft zu werden. Man muss sehr naiv sein, um neben den anarchischen Wissens- und Datenwucherungen, die im Internet entstanden sind, noch die basisdemokratischen Hoffnungen auf ein neues, von ökonomischen Interessen weitgehend freies Medium zu entdecken. Das große Geld ist spätestens seit der Übernahme von AOL durch Time/Warner angekommen - und die Unschuld dahin.

Das Kalkül, für eine Website, deren Dienste man lange kostenlos genutzt hat, werde man eines Tages auch zahlen, ist nicht grundsätzlich falsch - auch wenn von den 38 Millionen registrierten Napster-Usern vielleicht nur noch ein Bruchteil übrig bleibt. Darauf hätte auch Fanning setzen müssen, um mindestens das Geld zu verdienen, das er für den Unterhalt seiner Tauschbörse ausgibt: monatlich rund 500 000 Dollar. Aber dieses Kalkül stimmt nur bedingt. Um eine Mischung aus Gratisangeboten und gebührenpflichtigen Leistungen wird Napster auch künftig nicht herumkommen, um Kunden anzulocken. Sie ist sogar die Voraussetzung dafür, Umschlagplätze von Musik oder Texten rentabel zu gestalten.

Dienstleister wie Napster schreien geradezu danach, mit viel Geld zu Markenplattformen ausgebaut zu werden - nicht anders als Suchmaschinen. Die Idee des Selbstverlags funktioniert nur bei eingeführten Namen. Vielleicht können die Spice Girls nachmachen, was Stephen King ihnen mit seinem Internet-Roman "The Plant" vorexerziert hat. Die Masse der Anbieter ist auf sich gestellt im Netz verloren.

Die Liaison von Bertelsmann und Napster verdeckt allerdings, dass mit ihr die Medien-Piraterie in der Old Economy - vom thailändischen Video bis zum Fan-Bootleg - keineswegs beendet ist. Die Behauptung der Musikindustrie, im letzten Jahr allein in Deutschland 140 Millionen Mark Lizenzausfälle gehabt zu haben, ist eine Augenwischerei. Sie sucht den Schuldigen ausschließlich im Internet, ohne einen Moment über die zu reden, die wie eh und je Platten auf Kassette überspielen oder CDs brennen: Diese unorganisierte Piraterie kann, soll und wird niemand abstellen. Warum also das Netz? Es hat seine eigene Dämonie - und sein eigenes Versprechen. "Die Kontrolle über Dateien im Netz", hat Andy Müller-Maguhn vom Chaos-Computer-Club ganz richtig erklärt, "ist nicht mehr zurückzugewinnen."

Das Internet hat Wissen demokratisiert - weniger indem es Zugang zu Bereichen ermöglicht hat, die sonst der Öffentlichkeit verschlossen geblieben wären, sondern indem es Wissen auf Dauer verfügbar gemacht hat. Wo man früher Zugang zu teuren Print-Archiven brauchte, genügt heute eine gute Suchmaschine. Das ist viel, aber noch keine Revolution.

Für die Vision, dass Napster - ob als autonomes Unternehmen oder Konzerntochter - die bestehenden Strukturen der Musikindustrie umstößt, gibt es wenig Anlass. Erstens haben die Konzerne ein Interesse daran, die Kontrolle über materielle Tonträger zu behalten (deswegen sind CDs so überteuert). Zweitens haben Fans ein Interesse daran, nicht nur in den Genuss von zusammengestückelten MP3-Sammlungen zu kommen, sondern auch so etwas wie ein Konzeptalbum zu erwerben, ein schönes Booklet, die ganze Aura der Ware. Schon die Entwicklung des Buchmarkts hat gezeigt, dass elektronische Medien die klassischen nicht ersetzen, sondern ergänzen. Der Markt für elektronische Texte wächst, aber nur da, wo sie zur schnellen Information benötigt werden: in Schule, Universität und Beruf. Napster ist ein Schritt in diese Richtung.

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