Kultur : Narben der Nation

Im Kino: „Das Gesetz der Ehre“ mit Edward Norton

Julian Hanich

Ein Footballspiel der New Yorker Polizei. Matsch, Männergebrüll, weiße Atemwolken an einem kalten Winterabend. Kerle mit kantigen Gesichtern belagern, verhaken, bestürmen sich. In ihrem zähen Kampf um Bodengewinn versuchen die Polizisten, sich durchzuwinden. Währenddessen sitzt ein melancholischer Mann mit Narbe auf der Tribüne und betrachtet das Treiben. Das Spiel wie das Leben: Gavin O’Connors Film „Das Gesetz der Ehre“ ist eine Studie über ein System, in dem Männer sich windig durchmogeln und auf brutalstmögliche Weise vorwärtskommen wollen – und über die unfreiwillige Verwicklung des Beobachters, der sich irgendwann für eines der Teams entscheiden muss.

Als bei einer Drogenrazzia vier Polizisten erschossen werden, steht der Polizistenclan der Tierneys plötzlich im Mittelpunkt: Vater Fran cis senior (Jon Voight) als Chef der Manhattan Detectives; Sohn Francis junior (Noah Emmerich) als Leiter der Einheit der Toten; sein Schwager Jimmy Egan (Colin Farrell) als Kumpel und Kollege der Erschossenen. Und: Ray Tierney. Der Außenseiter hat eine Narbe im Gesicht und tiefe Furchen im Inneren. Zwei Jahre nach einer traumatischen Erfahrung soll er erstmals wieder eine Ermittlung leiten. Wie Edward Norton diesem verletzten Mann Gravität verleiht, ist allein schon den Gang ins Kino wert.

Gavin O’Connor hat alles Farbenfrohe aus dem Reich der Bilder verbannt. Seine Welt ist getaucht in nebliges Grau und Grauestgrau. Selten hat ein amerikanischer Film ein zwielichtigeres Bild der Polizei gezeigt. Doch all die miesen Machenschaften – Lügen, Korruption und Gewalt – werfen nicht nur ein fahles Licht auf die New Yorker Polizei. Ähnlich wie zuletzt beim Serienmeisterwerk „The Wire“ oder James Grays unterschätztem Polizeifilm „We Own the Night“ kommt man kaum umhin, den Film als Allegorie auf Amerikas gesellschaftlichen Scherbenhaufen zu sehen.

Doch bei all der Dynamik, die der Film entfaltet, gönnt er sich immer wieder ruhige Intermezzi. Dann inszeniert O’Connor in Zeitlupe, fährt die Geräusche herunter und legt leise Musik über die Szene. Wuchtige Empörung und elegischer Abgesang – das sind die beiden Pole, zwischen denen sich der Film bewegt und mit denen er eine aktuelle Gefühlslage auf den Punkt bringt.

Seit Dienstag sitzt ein neuer Mann im Weißen Haus. Natürlich ist es ein Zufall, dass „Das Gesetz der Ehre“ gerade jetzt bei uns in die Kinos kommt. Sicher kein Zufall ist hingegen der Wunsch nach Wandel und moralischer Wiedergeburt. Wie heißt es einmal im Film? „This shit ends now! – Dieser Scheiß hat jetzt ein Ende!“ Julian Hanich

In sieben Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony Center

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