Kultur : Nathan auf der Tuntenparty

ANDREAS KRIEGER

Das Leben ist eine Baustelle. Was also liegt näher, als dort Theater zu spielen, wo es normalerweise heißt: "Zutritt verboten. Eltern haften für ihre Kinder". Die Berliner Gruppe "Theater des Lachens" hat sich für ihr neues Projekt den Straßentunnel der B96 ausgesucht. Dort, wo es im Tunnel richtig kalt wird, sind die Stühle aufgestellt. Wo später einmal die Autos durchrauschen werden, herrscht heute Ruhe.Am Anfang ist die Dunkelheit. Ein Alphorn dröhnt und aus der Tiefe des Tunnels kämpft sich ein Lichtstrahl hervor. Erst ein Schlitz, dann immer mehr. Ein Lichtspektakel, Hunderte von Metern entfernt. Das können die an der Oper nicht besser. "Holladullidu" tönt es, und diejenigen, die mit einem überdurchschnittlich gutem Sehorgan gesegnet sind, mögen fünf Ameisen erkennen, die jodelnd um eine Wand herumhüpfen.Eine Alpensinfonie? Mitnichten! Hier wird Lessings "Nathan der Weise" gegeben. Hier heißt er "Nathan im Untergrund", könnte aber auch "Nathan im Reich der Kobolde" oder "Nathan auf der Tuntenparty" heißen. Das ganze sieht aus der Entfernung ungefähr so aus, als würden ein paar Raver zwei Folgen der Teletubbies nachspielen (das sind diese vier quietschbunten Gummiaffen, mit denen das Fernsehen jetzt Kleinkinder verführen möchte). Das Personal des Stückes ist auf fünf Figuren eingedampft, die das Textpotpourri irgendwie auf sich verteilen. Hier die Bedienungsanleitung: Nathan ist grün, der Sultan rot, der Tempelherr lila, Reja gelb und der Derwisch rot.Locker improvisiert die Gruppe über das Stück hinweg. Durch den Raum hallen kaum mehr als nur einzelne Phrasen und Sätze, die gut zum Schwerpunktthema "Macht und Geld" passen. Man springt und tollt herum, quiekt und kiekst und freut sich des Lebens, eingebettet in feinste Lichtspiele.Nur selten gibt es ernste Szenen wie diese: Der Sultan joggt durch die ganze Halle nach vorne. "Tritt näher, Jude", sagt er zu Nathan. Als dieser schnaufend den Sultan erreicht, rennt dieser wieder ein Stück zurück. Nathan hinterher. Dasselbe Spiel noch mal. Dieser Sultan ist ein Tyrann, ein Sadist, ein Nervtöter. Für einen Moment wird er zum menschlichen Wesen im Reigen der Kobolde. Doch auch dieser Moment wird dem platten Witz preisgegeben. "Du Sultan, ich..." setzt Nathan an, worauf der Sultan ihn belehrt: "Du Nathan, ich Sultan". Selbst die Liebesszene zwischen Reja und Tempelherr ist Slapstick. Dem Publikum fast auf dem Schoß sitzend, hauchen sie ihre Schwüre in die Luft, um sich danach gegenseitig ordentlich in den Hintern zu treten.Die Ringparabel kommt überhaupt nicht vor. Von Versöhnung keine Spur. Die innigen Umarmungen, in denen sich bei Lessing das Drama in Harmonie und Wohlgefallen auflöst, werden persifliert. Ein Aufbäumen und Händezusammenschlagen, wie es auch die Schicki-mickis nicht anders machen. Dieses Projekt ist wirklich noch eine Baustelle. Das beste, was man über die Inszenierung sagen kann: sie ist kurz und schmerzlos. Und für den intellektuellen Input gibt es ja immer noch die Teletubbies. Heute 12.15 im Kinderkanal.

17. und 24. 7., 20 und 22 Uhr, 18. und 25. 7., 20 Uhr, Zugang Kemperplatz nahe Philharmonie.

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