Nationaldenkmäler : Marmor, Stein und Eisen spricht

Eine fatale Beziehung: Warum sich die Deutschen mit ihren Nationaldenkmälern so schwer tun.

Wilfried F. Schoeller
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Hamburger Bismarck-Figur. -Foto: dpa

Im Berliner Kronprinzenpalais ist mit der Ausstellung aller abgelehnten Entwürfe zum Einheitsdenkmal eine Walstatt der verrutschten Symbole zu besichtigen. Doch Spott allein ist nicht angebracht: Das Scheitern dieser Bildfindung hat ja eine gewisse Brillanz: Es wird sichtbar, wie ein solches Denkmal heute nicht mehr aussehen soll und kann.

Nationaldenkmäler stehen in Deutschland überall herum: mythologische Figuren, Feldherrn und dynastische Selbstverwirklicher, Helden- und Freiheitsfiguren, religiöse Erwecker, aber auch die Erinnerungszeichen an Opfer von Despotie und die Toten der Kriege. Fast ausnahmslos stellen sie Peinlichkeiten dar: die ins Großformat getriebene Fassung eines unsicheren Deutschlandgefühls. Das Kuriosum ist der unmittelbare Nachbar des nationalen Mythologems.

Seit dem Ende der 1830er Jahre breiteten sich Denkmäler des bürgerlichen Selbstbewusstseins aus. Künstler, Gelehrte und Erfinder wurden auf die Sockel gehoben, den Platz, der bis dahin Helden und Feudalgrößen reserviert schien. In Basreliefs wurden Fleiß und Industrie, tätiges Leben und Unternehmungsgeist gefeiert. Schiller, Gutenberg, Luther und Bach wurden zu steinernen oder erzenen Zeugen der Kulturnation. Mit dem national unzuverlässigen Goethe war weniger Staat zu machen. Seine Ikonografie blieb unsicher. Wenn man ihn als Repräsentanten feierte, gab es jedes Mal Streit.

Die Reihe von rund 500 BismarckDenkmälern zur dankbaren Erinnerung an den Schöpfer der deutschen Einheit von 1871 glorifizierte einen von den Fürsten betriebenen Vorgang. Die Einheit, die 1989 von rebellischem Staatsvolk unter staunender Betrachtung, aber wenig innerer Beteiligung des Westens eingeleitet wurde, taugt wiederum nicht für Denkmäler der nationalen Konzentration und personalisierten Propaganda.

Die Orte nationaler Genugtuung sind entwertet und stillgelegt. Barbarossa, Hermann, Germania und Wilhelm I. erscheinen nur noch als abstruse Irredenta auf dem Sockel. Der gerade wieder aktuelle Cherusker in Westfalen ist ein Teutonium ersten Grades. Er droht mit seinem Schwert, im nächsten Moment den Teutoburger Wald niederzumähen. Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal ist ein ungeschlachter Rumpf ohne Kopf, als hätte eine Riesenfaust dem Wachstum ein vorzeitiges Ende bereitet.

Niederlagen fördern die deutsche Erinnerungskultur. Die urbanistische Entsprechung dafür ist das Bauwerk, das ein 21 Jahre alter bayerischer Kronprinz erträumte, nachdem Preußen 1807 von Napoleon der schmachvolle Frieden von Tilsit aufgezwungen worden war: ein deutsches Denkmal, das an das französische Pantheon und die griechische Akropolis erinnerte. Die Walhalla, an der 35 Jahre lang gewerkelt wurde, beherbergt am Donauufer ein Ensemble deutscher Geister, ein geschichtliches Zentralkomitee der Marmorköpfe. Die erhabenen Toten wirken heute toter als tot, die Versammlung erscheint als patriotisches Wachsfigurenkabinett.

Die westlichen Nachbarn haben es mit Nationaldenkmälern weniger schwer. So beanspruchte die französische Revolution von Anfang an für sich auch eine ästhetische Deutungsmacht und setzte die semantische Herrschaft des ancien regime außer Kraft. In enormer Zahl gab sie Artefakte in Auftrag und allegorisierte sich damit. Davon zehrt die französische Demokratie bis heute; am Nationalfeiertag kann sich jeder französische Präsident in diesem Bedeutungsraum bewegen.

Anders in Deutschland: Als sich die phrygische Mütze über den Rhein auf Wanderschaft begab, wurde sie zur Zipfelmütze des deutschen Michel. Der war einst der heraldische Held der deutschen Heere gewesen und noch im 18. Jahrhundert die Widerstandsfigur gegen das absolutistische alamode-Wesen. Dann verkam er zur Attrappe der Karikaturisten.

Die Trionfi und Großinszenierungen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, in denen sich die kaiserliche und fürstliche Macht bei Inthronisationen und Staatsakten präsentierte, hörten spätestens mit der Gründung des Deutschen Bundes 1815 auf. Nichts hat sich von den grandiosen Bilderfindungen etwa der Galli und Bibiena am Wiener Hof in die bürgerlichen Zeiten gerettet. Die kleindeutsche Lösung, 1866 militärisch erzwungen, nahm der Nation unter anderem ihre katholische Bilderfreude.

Demokraten in der Weimarer Republik wollten mit großformatigen Totenmalen politische Umkehr inszenieren. Aber sie hatten zu wenig Zeit. Statt dem Güstrower Engel von Barlach und Walter Gropius’ Denkmal der Märzgefangenen dominierten die Heroismusgiganten des Marine-Ehrenmals Laboe, des Tannenberg- und des Schlageter-Denkmals.

Die alte Bundesrepublik, im Grundgesetz als Provisorium festgeschrieben, vermied Staatsgepränge. Helmut Schmidt definierte sich als des Staates leitender Angestellter und erklärte Karl Poppers Pragmatismus zu seiner Philosophie. Da ergab sich für die Schaulust der Bürger wenig Material. Die Bilderschrift der DDR wiederum, von den verschränkten Händen der Parteien bis zum Bruderkuss der Staatsmänner, ist entwertet.

Das deutsche Nationalgefühl hat, sehen wir von der Fahne bei Länderspielen und in Schrebergärten ab, eine gewisse Fliehkraft. Es ist ein Transitgefühl. Wir wurden dazu erzogen, es durch ein europäisches Gefühl zu ersetzen. Aber Europa hat keine Symbole entwickelt. Die Brüsseler Verwaltung ist bilderlos, die europäische Verfassung vor allem eine kanonisierte Marktordnung.

Kein Wunder, dass uns bei alldem ein Zeichen setzender Vorrat an Emotionen ausgegangen ist. In der Berliner Republik fehlt es an Symbolen, auch für ein Nationaldenkmal. Sie ist volljährig geworden, aber wohl nicht denkmalfähig. Vielleicht interessiert sich die Mehrheit nicht für ein Einheitsdenkmal – was kein Einwand wäre, aber ein bedenkenswerter Befund. Zwei Jahrzehnte sind eine zu kurze Frist, um die Gewissheit von Symbolen und künstlerische Distanz zu den Ereignissen zu gewinnen. Die Bindung an den 20. Jahrestag des Mauerfalls erweist sich da als fatale Selbstfesselung. Wir haben mit langen Fristen zu rechnen; Erinnerung lässt sich nicht einfach zum „kollektiven Gedächtnis“ bündeln. Die Energien der Trennung wirken fort und verhindern vorläufig einen gemeinsamen Erinnerungsraum.

Die meisten früheren Nationaldenkmäler wurden übrigens auch erst Jahrzehnte nach der ursprünglichen Terminierung vollendet.

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