Kultur : Nationale Filmkulturen: Herr Blaubart findet keine Ruh

Oliver Heilwagen

Wie wäre es mit dem Film "Djöflaeyjan"? Oder würden Sie lieber "Tini sabutych predkiv" sehen? Vielleicht sagt Ihnen "Suncana strana subote" am ehesten zu? Diese drei Filme aus Island, der Ukraine und Kroatien werden zurzeit in Berlin gezeigt, doch in den Veranstaltungskalendern der Tageszeitungen wird man vergeblich nach ihnen suchen: Sie laufen im Rahmen kleiner Festivals, die der Kinokultur der jeweiligen Länder gewidmet sind. Mit solchen Filmreihen wird die Hauptstadt gegenwärtig überschwemmt: Vergangene Woche konkurrierten "Literaturverfilmungen aus Island" und die Serie "Zeitgenössischer ukrainischer Film" um die Gunst der Cineasten. Nächste Woche beginnen die "2. Kroatischen Filmtage". Zuvor haben Dänemark und Griechenland ihre kinematographische Visitenkarte abgegeben: Dutzende von Filmen auf der Suche nach Zuschauern.

Vom Erfolg der Kassenschlager aus Hollywood oder Babelsberg können diese Exoten naturgemäß nicht einmal träumen. Ihre Entstehungsorte sind weiße Flecken auf der Landkarte. Das können auch die Filmreihen nicht ändern: Deren Veranstalter mit ihren Mini-Etats können für Werbung kein Geld ausgeben. Sie zeigen Filme, von denen oft nur einzelne Kopien existieren, in Kulturzentren oder auf Filmkunst spezialisierten Programmkinos. Und fast immer werden sie nur ein einziges Mal vorgeführt. Wozu also der Aufwand?

"Es ist unsere Aufgabe, verschiedene nationale Filmkulturen vorzustellen, um der kommerziellen Produktion etwas entgegenzusetzen", antwortet eine der drei "Arsenal"-Leiterinnen, Birgit Kohler, die isländische Filme für die Reihe "Kontinentaldrift" zusammengestellt hat. Der Eröffnungsfilm "101 Reykjavik" von Baltasar Kormákur nach dem Roman von Hallgrímur Helgasson porträtiert den jugendlichen Tagedieb Hlynur, dessen Gefühlshaushalt durcheinander gerät, als sich seine Mutter als Lesbe outet. Die mit zynischen Gags gespickte Slacker-Story wurde mit Preisen überhäuft und hat Chancen, einen Verleih zu finden.

Den Erfolg führt der Vorlagen-Autor Helgasson auf seinen Trash-Humor à la Quentin Tarantino zurück, der nicht nur in seiner Heimat gepflegt werde. "Die isländische Gesellschaft hat sich stark verändert", erzählt er. "1980 gab es in Reykjavik nur eine Bar, heute sind es hunderte. Außerdem sind Isländer sehr sarkastische Menschen. Nur so ertragen sie das kalte, unwirtliche Klima." Das Ende der bürgerlichen Kleinfamilie und die moralische Orientierungslosigkeit seien auch auf der nordischen Insel unvermeidbar gewesen, fügt er hinzu.

Todchic in Reykjavik

Dieselbe Dialektik aus Nationalbewusstsein und Globalisierungseffekten prägt auch das kroatische Kino. Regisseur Tomislav Jagec, der für die Aufführungen im Babylon und Arsenal verantwortlich zeichnet, sagt lakonisch: "Wir wollen uns einfach einmal zeigen". Neue Produktionen aus Kroatien hätten außerhalb des Cottbusser Festivals für osteuropäischen Film kaum Foren, um sich einem westeuropäischen Publikum zu präsentieren. Dabei sei den aktuellen Werken die "Fröhlichkeit und Aufbruchsstimmung des Neuanfangs" nach dem Ende des Tudjman-Regimes deutlich anzumerken, meint Jagec.

Sie können sich sehen lassen: Vinko Bresans "Der Geist von Marschall Tito", eine brilliante Satire über Sozialismus-Nostalgie und Turbo-Kapitalismus, gewann auf der diesjährigen Berlinale den Wolfgang-Staudte-Preis. Die Botschaft Kroatiens beschafft die Kopien für das No-Budget-Festival. Kosten für Einladungen und Flugtickets übernimmt das deutsche Auswärtige Amt (AA).

Aus dessen Etat für osteuropäische Kulturarbeit werden auch die "Kulturtage der Ukraine" finanziert. Wobei das Polnische Kulturinstitut in Berlin die Filme seines östlichen Nachbarn zeigt. Wie in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist die ukrainische Gesellschaft tief gespalten zwischen einer dünnen Machtelite und Vertretern von Minderheiten. Davon bleibt das Kino nicht unberührt: Um die Zusammensetzung des Programms scheinen heftige Auseinandersetzungen geführt worden zu sein. Projektleiterin Annerose Schröder legt Wert auf die Feststellung: "Es war Anliegen des Auswärtigen Amtes, dass die ukrainische Seite bestimmt, welche Filme gezeigt werden."

So wurden gleich zwei Werke vom Direktor des staatlichen Dowschenko-Filmstudios, Mykola Maschenko, nachträglich ins Programm gehoben. Eine Entscheidung, die vom Filmhistoriker Hans-Joachim Schlegel - er begleitet die Reihe - nicht unbedingt begrüßt wird. Er hätte lieber einen "ukrainisch-jüdischen Film" gesehen. Die Menge an politischen Manövern im Vorfeld verhält sich jedoch umgekehrt proportional zur Publikumsresonanz. Eine Vorführung des Propaganda-Klassikers "Die Schlacht um unsere Sowjetukraine", die im Rahmen einer Dowschenko-Retrospektive geigt wurde, sahen acht Zuschauer. Dennoch ist Schlegel von der Notwendigkeit solcher Angebote überzeugt: "Wir brauchen solche Festivals, sonst gibt es nur noch Hollywood-Imitate."

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