Nationales Forum der Musik in Breslau : Obertöne für die Seele

Polens größtes Konzerthaus sollte eigentlich schon 2012 fertig werden - es dauerte bis 2016. Mit dem Nationalen Forum der Musik eröffnet ein Kulturzentrum von Weltklasse.

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Rostroter Koloss. Das neue Nationale Forum für Musik in Breslau.
Rostroter Koloss. Das neue Nationale Forum für Musik in Breslau.Foto: promo

Wie ein fossiles Ungetüm ragt der Neubau des Nationalen Forums der Musik in den Himmel über Wroclaw. Die rostroten Fassadenflächen bilden einen schönen Kontrast zum Spiel der Wolken. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die bläulich gerasterten Fenstereinlassungen die Außenhaut des Gebäudes gliedern wie die Saiten eines Streichinstruments dessen Corpus. Davor erstreckt sich der Wolnodi-Platz, das ehemalige Königsforum, auf dem im 19. Jahrhundert noch preußische Soldaten exerzierten.

Polens größtes Konzerthaus sollte eigentlich schon 2012 fertig werden – jetzt wurde es zum Auftakt des Jahres als Europäische Kulturhauptstadt eröffnet. Auf 48 000 Quadratmetern, die sich über sechs Ober- und drei Kellergeschosse verteilen, bietet die neue Spielstätte Platz für vier Konzertsäle, ein Tonstudio, etliche Mehrzweckräume und Ausstellungsflächen. Neben allen erdenklichen Spielarten von E- und U-Musik sollen auch Film, Tanzperformances und Multimediales das Publikum anlocken.

1800 Plätze fasst der Große Saal des Forums

Ensembles, die sich vorher mit akustisch unzureichenden Sälen begnügen mussten, wurden hier angesiedelt, zehn neue gegründet, vom Streichquartett bis zum Sinfonieorchester. Das Haus bietet auch Raum für die acht Festivals, die im Kulturjahr stattfinden. Das bedeutendste ist das traditionsreiche Chorfestival „Wratislavia cantans“ – überhaupt soll Vokalmusik eine besondere Rolle spielen. „Singen ist der leichteste Weg, um Menschen musikalisch aktiv werden zu lassen“, betont Agnieszka Franków-Uelazny, Kuratorin des Musikprogramms und Leiterin des NFM-Chores. So heißt das zentrale Projekt „Singing Europe“, bei dem 10 000 Sänger aus zehn Ländern den Platz vor dem Forum bevölkern sollen. 300 Sänger wiederum werden Mendelssohns „Elias“ im 1800 Plätze fassenden Großen Saal des Forums aufführen.

Ein "Raum für die Schönheit der Musik"

Work-in-Progress lautet ein Schlüsselbegriff. Die Kunst soll zu den Menschen gehen, auf Straßen und Plätze. „Mummy, Daddy, sing to me“ ist ein Workshop für Eltern, Großeltern und Babysitter. Eine Akademie für Kinderchöre in Grundschulen wird vom Projekt „Das singende Polen“ ergänzt, durch finanzielle Unterstützung, Liederbücher sowie Workshops für Chöre und Dirigenten.

„Forgotten City“ ist ein weiteres Lieblingsprojekt der Kuratorin: Musiker spielen in Privathäusern und Höfen für Menschen, die sonst keine Möglichkeit zum Hören klassischer Musik haben. Einen „Raum für die Schönheit der Musik“ will Agnieszka Franków-Uelazny mit ihrem Programm schaffen. Im NFM , wo renommierte Jazz- und Kammermusikensembles auch viel Polnisches präsentieren werden, ist das vor allem akustisch gelungen. Tateo Nakajima von der New Yorker Arup-Group, ehemaliger Mitarbeiter von Russell Johnson, der das Luzerner Kulturzentrum betreute, steht dafür, die Bedürfnisse der Musiker und des Publikums genau zu erkunden.

Längerer Nachhall für Chormusik

Verstellbare Decken, Luftklappen, spezielle, die Säle umschließende Räume sorgen für Flexibilität. So kann etwa für Chormusik tatsächlich ein längerer Nachhall geschaffen werden. Im Eröffnungskonzert fluteten die Stimmen des NFM-Chors bei Haydns Te-Deum C-Dur und „O gloriosa Viginum“ von Krzysztof Penderecki weich durch den Raum. „Jedes Instrument behält seinen charakteristischen Klang und transportiert ihn direkt in den Saal“, sagt Hartmut Rohde, international tätiger Bratscher mit Professur in Berlin, voller Bewunderung.

„Das Obertonspektrum und damit die Farbigkeit des Orchesters werden 100-prozentig weitergegeben.“ Dem Stück „Orawa“ von Wojciech Kilar gab das bei gestochen scharfen Repetitionen ungeahnte Frische. 18 neue Musikschulen sowie der neue Konzertsaal passen zum Konzept der Nachhaltigkeit. Statt auf austauschbare „Kulturevents“ setzt man in Wrocmaw auf hauseigene Qualitäten. Zeitgenössische polnische Musik ist überall präsent.

Mehr Informationen zum Nationalen Forum für Musik in Breslau finden Sie hier.

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