Nationalmuseum : Wunder von Bagdad

Das Irakische Nationalmuseum hat Krieg und Plünderungen überstanden. Jetzt fehlen Besucher.

Jorn de Cock
Bagdad
Halb Mensch, halb Stier. Drei Meter hohe Mischwesen bewachen die Halle der assyrischen Könige. -Foto: Jorn de Cock

Für entspannten Kulturtourismus ist die Zeit in Bagdad noch nicht reif. „Raus aus dem Auto und schnell die Straße rüber, zu den Bewacher mit den Kalaschnikows“, sagt der Fahrer. Drinnen wartet die Archäologin Luma Yass, die Chefin der pädagogischen Abteilung des Museums. „Vor einem Jahr haben wir die Tore wieder geöffnet“, sagt sie mit einer Mischung von Stolz und Schüchternheit. Dennoch gibt es sieben Jahre nach der amerikanisch-britischen Invasion des Irak, als das Museum anfangs nicht ganz oben auf der Liste der zu überwachenden Gebäude stand, für Yass noch immer nicht viel zu unterrichten.

Die Iraker haben anderes im Kopf als einen Besuch ihres wichtigsten Museums mit der größten Sammlung archäologischer Reichtümer Mesopotamiens. Ausländer kommen selten vorbei. Wenn sie schon den Irak besuchen, bleiben sie am liebsten in der Sicherheit der so genannten Grünen Zone, aus Angst vor Attentaten und Kidnapping. „Während des Krieges war ich zu Hause“, sagt Yass. „Eine Woche nach Kriegsende kam ich zum ersten Male wieder her. Es war schrecklich. Wir dachten, die Sammlung sei sicher hinter Gittern in den Kellern gelagert. Aber die Plünderer waren irgendwie doch an sie herangekommen. Von den 700 000 Stücken der Sammlung waren 15 000 gestohlen worden, vor allem die wertvollsten Stücke. Das zeigt, dass die Plünderung professionell organisiert worden sein muss. Erst danach kamen Randalier, die die Büroeinrichtung und Schaukästen zerstört haben. Aber die waren ohnehin leer.“

In den letzten Jahren hat Yass mit den anderen Mitarbeitern die meiste Zeit im Museumskeller verbracht, um die unschätzbare Sammlung wieder zusammen zu puzzeln. Von den 28 Ausstellungsräumen sind inzwischen acht wieder geöffnet. Ein Saal zeigt Kunstgegenstände, die von Interpol konfisziert oder von Plünderern freiwillig zurückgegeben worden sind. Sichergestellt wurden die Stücke, von sumerischen Rollsiegeln bis zu assyrischen Statuetten, in Jordanien und den Vereinten Arabischen Emiraten, aber auch in Italien, den USA und Peru.

„Von den 15 000 gestohlenen Teilen haben wir jetzt 4500 wieder zurück“, bilanziert Yass. Die Archäologin spaziert vorbei an Vitrinen, die mit den ältesten Zeichen unserer Zivilisation gefüllt sind: Tontafeln mit der ältesten Schriften der Welt, Schmuck aus 15 Jahrhunderten, das Jahrtausende alte Skelett eines Kriegers, der erst im Jahr 2003 seine Rüstung und Waffen verloren hat.

In einer Galerie, die auf Englisch den „National Treasury“ verspricht, herrscht Chaos. „Diese Kammer war vorgesehen für den 1989 entdeckten Goldschatz von Nimrud. Wir haben Glück gehabt. Die 1400 Schmuckstücke waren während des Krieges in der irakischen Staatsbank gelagert. Da bleiben sie vorläufig auch, bis es die Sicherheitslage zulässt, sie wieder ins Museum zu bringen.”

Der Höhepunkt des Museumsrundgangs ist die Halle der assyrischen Könige. Hier bewachen drei Meter große Mischwesen mit dem Kopf eines Menschen und dem Körper eines geflügelten Stieres die Tore der Königspalastes. „Diese Statuen standen auch während der Plünderung in diesem Saal, aber keiner konnte sie mitnehmen. Sie wiegen drei Tonnen“, erzählt Yass. Die Frage bleibt, wann dieSammlung wieder für die Allgemeinheit zugänglich sein wird. 1926 von der britischen Forschungsreisenden und Schriftstellerin Gertrude Bell gegründet, die im Irak bis heute als „Königin der Wüste“ verehrt wird, musste das Nationalmuseum nach dem zweiten Golfkrieg 1991 schon einmal neun Jahre lang die Tore schließen.

Nach der Wiedereröffnung im Jahr 2000 blieb das Museum nur drei Jahre lang für ein großes Publikum zugänglich, seither wird es nach Anmeldung von Spezialisten, Journalisten und Schulgruppen besucht. Auch jetzt, nach der Wiederwiedereröffnung, bleibt die Sicherheitslage prekär. Als vor fünf Monaten ein Bombenattentat das nahe gelegene Justizministerium erschütterte, wurde auch das Museum beschädigt.

Vielleicht bietet das Internet eine Zwischenlösung. Eric Schmidt, Obama-Berater und Geschäftsführer der Suchmaschinen-Unternehmens Google, versprach im November bei einem Besuch des Nationalmuseums, dass die gesamte Sammlung bald „googelbar“ sein solle. Alle Objekte, auch die hunderttausenden Stücke, die noch im Keller lagern, wurden bereits digital fotografiert und sollen bald online abrufbar sein. So wird das irakische Nationalmuseum zu einer virtuelles Schatzkammer, zugänglich für Bildschirmbesucher in aller Welt.

Aber Yass hofft, dass bald auch die leibhaftig anwesenden Besucher zurückkehren. „Unsere Sammlung ist einzigartig in der Welt“, sagt sie. „Auch wenn die Sicherheitslage nicht perfekt ist: Wir müssen unsere Stücke wieder zeigen. Wir haben gar keine andere Wahl.“

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