Nationalsozialismus : Lauter Unschuldige

Ulrike Jureit und Christian Schneider warnen vor einer Erinnerungskultur, die aus den Nachfahren deutscher Täter „gefühlte Opfer“ macht.

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Schuld ohne Sühne? Spiegel-Titel zur Verjährungsdebatte 1963. Foto: Repro
Schuld ohne Sühne? Spiegel-Titel zur Verjährungsdebatte 1963. Foto: Repro

Das Thema ist heikel, und doch führt in den kommenden Jahren kein Weg daran vorbei, es ausgiebigst und immer wieder neu zu diskutieren. Es geht um die Erinnerungskultur in Deutschland, insbesondere das Gedenken an den Holocaust, und darum, wie sie in Zukunft modifiziert werden kann. Zum einen, weil mit dem Tod der letzten sogenannten Zeitzeugen die Erinnerungen an den Holocaust nur noch aus zweiter und dritter Hand stammen; zum anderen, weil sich überhaupt die deutsche Gesellschaft aufgrund globaler Migrationsbewegungen von Grund auf verändert und ein kollektives, auf gemeinsamen Erfahrungen und einer gemeinsamen Geschichte basierendes Erinnern kaum noch möglich ist.

„Nirgendwo wird so nachdrücklich erinnert und gemahnt wie in Deutschland“, schreiben die Historikerin Ulrike Jureit und der Soziologe und Psychoanalytiker Christian Schneider in ihrem sich genau diesem heiklen Thema annehmenden Buch „Gefühlte Opfer“, um zugleich zu konstatieren: „Auch wenn dies einigen immer noch zu wenig geschieht und es anderen mittlerweile zu viel wird.“ Weltweit wird die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen und Vergangenheit als Vorbild gepriesen. Andererseits aber regt sich, so Jureit und Schneider, „Kritik an der Olympiade der Betroffenheit“. Was Fragen wie diese nach sich zieht: „Warum erstarrt unser Gedenken in moralisierenden und sinnentleerten Formen des öffentlichen Erinnerns? Warum haben wir trotz institutionalisierter Mahn- und Gedenkstätten, (...), das unangenehme Gefühl, in einer erinnerungspolitischen Sackgasse gelandet zu sein?“

Um diese Fragen zu beantworten und um zu analysieren, wie es überhaupt zu dem „Diktat der Aufarbeitung“, zu der normierten, pflichtbewussten Erinnerungskultur, wie wir sie heute kennen, gekommen ist, haben Ulrike Jureit und Christian Schneider sich aufgeteilt. Während Jureit vor allem die Figur des „gefühlten Opfers“ beschreibt und Missverständnisse untersucht, die sich aus Richard von Weizsäckers berühmter Rede am 8. Mai 1985 ergeben haben, untersucht Schneider „Trauer als zentrale Metapher deutscher Erinnerungspolitik“. Im Zentrum seiner Untersuchung stehen die intellektuellen Grundlagen der Erinnerungskultur in Deutschland seit den sechziger Jahren, Bücher wie Adornos „Negative Dialektik“ und Habermas’ „Erkenntnis und Interesse“, vor allem aber „Die Unfähigkeit zu trauern“ von Margarete und Alexander Mitscherlich, das in seinem theoretischen Kern auf Freuds Aufsatz „Trauer und Melancholie“ beruht.

Schneider arbeitet heraus, wie die Generation der 68er nicht zuletzt mit Hilfe dieser Bücher dem Schweigen der Väter- und Tätergeneration über die NS-Verbrechen begegnet ist und die Vergangenheit „aufgearbeitet“ hat, gleichermaßen aber auch über das Ziel hinausschoss: Aus den Kindern der Täter sind mit einmal selbst Opfer geworden. Opfer ihrer schweigenden Eltern, Opfer (und Verfolgte) eines vermeintlichen bundesrepublikanischen faschistischen Systems. Schneider und Jureit sprechen in diesem Fall von einer „Gegen-Identifizierung“ der zweiten Generation nach dem Holocaust, von „geliehenen Identitäten“, von den titelgebenden „gefühlten Opfern“, die sich mit den von den Nazis verfolgten und getöteten Juden identifizieren. Pervertiert wurde diese Opferidentifizierung schließlich Ende der neunziger Jahre durch den 1941 in der Schweiz geborenen Autor Bruno Grosjean, der sich in seinem Buch „Bruchstücke“ zunächst sehr erfolgreich eine jüdische Biografie zurechtfantasierte und so tat, als hätte er als Binjamin Wilkomirski in den Kinderbaracken polnischer Lager den Holocaust überlebt.

Diese Form der „opferidentifizierten Erinnerungskultur“ führe seitdem, so Jureit und Schneider weiter, zu einem logischen Ausschluss der Täter, die aufgrund ihrer Taten außerhalb der Erinnerungsgemeinschaft stehen. Will heißen: „An deutschen Gedenkorten bleiben die Unschuldigen unter sich.“ So war selbstverständlich auch die Empörung über einen Günter Grass und sein Waffen-SS-Bekenntnis groß, ist dieser doch ein Täter, der mit seinem Bekenntnis jedoch vor allem „den gesellschaftlichen Konsens einer durch Identifikation mit den Opfern geprägten Erinnerungskultur aufgekündigt“ habe.

Das Hauptproblem dieser Erinnerungskultur aber sei, so Schneider bei seiner Untersuchung über den Erfolg des Mitscherlich-Buchs, dass der Holocaust nicht einfach so betrauert werden und schon gar nicht „bewältigt“ werden kann. Wer hat hier eigentlich um wen getrauert? Die Deutschen um die Opfer des Holocaust? Oder, so wollten es die Mitscherlichs, die Deutschen um sich selbst und ihren geliebten Führer, weshalb es ihnen unmöglich war, „Trauerarbeit“ zu leisten, sich überhaupt in die Opfer einzufühlen.

Christian Schneider hält den Mitscherlichs nun noch einmal vor, „dass Trauer moralisch nicht postulierbar ist, sie ist überhaupt kein moralischer, sondern auf der Affektebene zunächst ein spontaner, ja kreatürlicher Akt“. Und der entscheidende Prozess bei der Trauerarbeit sei, dass sich in ihrem Zusammenhang eine Ablösung vollzieht; die Anerkennung, dass das Objekt der Trauer für immer verschwunden sein wird: „Erinnerung ist synthetisch, Trauer lytisch.“

Die Identifikation mit den Opfern, die Selbstidentifikation als Opfer, die nachgeholte Trauer der 68er und ihre dabei erfolgende Stilisierung als „Entronnene“ – all das beschreiben und analysieren Jureit und Schneider als Fehlzündungen unserer Erinnerungskultur, ohne diese in Bausch und Bogen diskreditieren zu wollen (genauso wenig wie die Leistungen der 68er zu schmälern, wiewohl ein gewisser Anti-68-Impetus in ihrem Buch nicht zu verkennen ist). Begriffe wie „Trauerarbeit“, wie „Vergangenheitsbewältigung“, wie „Aufarbeitung“ oder „Erlösung“ („das Geheimnis unserer Erinnerung heißt Erlösung“, hieß es bei Weizsäcker, ein religiöses Heilsversprechen in einem säkularen System der Vergangenheitsbewältigung, ein Ding der Unmöglichkeit, so Jureit) unterziehen sie einer genauen Prüfung, um dann mit Hannah Arendt zu schlussfolgern: „Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist.“ Oder um noch einmal den in Vergessenheit geratenen Philosophen Norbert Elias in den Erinnerungsdiskurs zu bringen, der aus Anlass des 40. Jahrestags des Kriegsendes 1985 eher nüchtern festgestellt hat: „Wir trauern heute um diese Toten – ich ganz besonders um die meinen und andere um die ihren. Sie sind nicht vergessen.“

Am Ende erscheint es zunächst ein wenig dünn, wenn Schneider und Jureit postulieren, dass auch Tabuthemen wie „Was war gut am Nationalsozialismus“ mit in die Reflektion über die Vergangenheit einbezogen werden müssten. Unter dem Aspekt der Ablösung, der „Lyse“, dem die Trauer unterliegt, erscheint es aber sinnvoll – genau wie die von Schneider und Jureit geforderte Einsicht in die Abwegigkeit von Wünschen nach einem anderen Verlauf der Geschichte, „dem Ungeschehenmachen“, oder von „kryptotheologischen Erlösungshoffnungen“. Die Vergangenheit entfernt sich, der Blick darauf wird von Generation zu Generation ein anderer: Jureits und Schneiders kluges, scharfsinniges Buch ist der gelungene Versuch, der vielleicht wirklich etwas starr gewordenen, oft ins Leere laufenden, mitunter eine ganze Gedenkindustrie nährenden Erinnerungskultur neue und vielleicht eines Tages auch produktive Facetten abzugewinnen.

Ulrike Jureit, Christian Schneider:

Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung.

Verlag Klett & Cotta, Stuttgart 2010, 253 Seiten, 21,95 Euro.

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