Kultur : Nationen ohne Grenzen

Heute eröffnet die 50. Kunstbiennale Venedig. Mit 64 Länderpavillons ist sie umfangreicher denn je – und die Malerei feiert ein Comeback

Christina Tilmann

Sie feiert ihr 50. Jubiläum – und ist lebendiger denn je. Die Kunstbiennale von Venedig kann sich vor Zulauf kaum retten. Die Zahl der Länderpavillons ist auf 64 angewachsen, die zentrale Ausstellung in neun Einzelausstellungen aufgefächert, und über die gesamte Lagunenstadt verteilen sich die Begleitveranstaltungen. Der künstlerische Leiter Francesco Bonami hat es sich zum Ziel gesetzt, die älteste und neben der Documenta in Kassel wichtigste Kunstausstellung wieder publikumsfreundlicher zu machen und – wie zuletzt die Dokumente – die Kunst von Afrika bis Arabien, von China bis in die brasilianischen Favelas vorkommen zu lassen.

Auch die Länderpavillons kommen längst nicht mehr alle im Ausstellungsgelände der Giardini unter. Sie verteilen sich über die Stadt, erforschen den Ort, wie Katie Holtens irischer Pavillon, der einem Schulraum nachempfunden ist, oder nutzen die Architektur wie Michael Stevenson, der im frisch restaurierten Zentralbau von S. Maddalena Neuseelands einzigen originären Industriebeitrag, einen Jeep namens Trekka, präsentiert.

Am schwersten hat sich in den Giardini Fred Wilson mit dem Ort getan: Der US-Amerikaner, der zuvor die Rolle untersucht hat, die schwarze Wächter in Museen spielen, nimmt sich diesmal Othello vor. Auf den Spuren des Mohren von Venedig sucht er in venezianischen Kunstwerken nach dunkelhäutigen Sklaven, zeigt Mohrenköpfe, schwarze Atlanten oder einen pechschwarzen Kronleuchter aus Murano-Glas. Eine politisch korrekte, wenn auch naive Arbeit, die ihre Brisanz erst dadurch bekommt, dass vor der Tür ein afrikanischer Schwarzhändler sitzt, wie sie auf allen Straßen Italiens gefälschte Markenprodukte feilbieten.

Deutlich souveräner geht Großbritanniens Künstlerstar Chris Ofili mit dem Thema Rassismus um: Er macht aus dem britischen Pavillon ein Gesamtkunstwerk, das ästhetisch auf der Biennale seinesgleichen sucht. In den Farben der panafrikanischen Flagge – grün, rot, schwarz – erzählt er auf Bildern, Installationen und Zeichnungen eine Romanze vom Leben in einem (erreichbaren) Paradies. Dabei sind die Bilder so verführerisch und gehen in den in Rot oder Grün gehaltenen und mit einer Kristallkuppel überwölbten Räumen so perfekt ineinander über, dass der Betrachter durch die schiere Opulenz geblendet ist. Chris Ofili ist mit Sicherheit einer der Kandidaten für den Goldenen Löwen.

Das Thema Nationalität und Identität ist, seit es die Ausstellungspavillons mit ihrem Länderprinzip gibt, umstritten – und durch die politischen Veränderungen der Weltkarte nicht eben einfacher geworden. Auch die 50. Biennale kommt davon nicht los, im Gegenteil. Milica Tomic zum Beispiel hat Schwierigkeiten mit ihrem Pavillon, der noch „Jugoslawien“ überschrieben ist und nun die Länder Serbien und Montenegro beherbergt. Also überzieht die in Belgrad lebende Künstlerin die Fassade mit einem Netz aus Blitzlichtern, die die Architektur gleichsam ausblenden sollen. Geschickter waren Tschechien und Slowakei, die den ehemals tschechoslowakischen Pavillon mit einer grenzüberschreitenden Künstlergruppe bespielen.

Es hätte nicht der Einführung eines eigenen Pavillons für Wales, für Schottland und für Manchester (!) bedurft, um das Nationalitätenprinzip ad absurdum zu führen. Die nordischen Länder Schweden, Finnland und Norwegen stellen seit Jahrzehnten in einem Hause aus. Konsequent laden in diesem Jahr auch die Niederlande fünf Künstler aus aller Welt ein. „We are the world“ ist einer der spannendsten Ausstellungsorte der diesjährigen Biennale. Egal, ob der Mexikaner Carlos Amorales den Besucher zur Produktion von Lederstiefeln anhält und damit auf die maquiladores, die amerikanischen Billigfabriken an der mexikanischen Grenze hinweist, ob Alicia Framis mit anti-dog eine golden schimmernde, biss- und stichfeste Schutzkleidung für dunkelhäutige Frauen vorstellt oder Meschac Gaba selbstgebrautes Ingwerbier kredenzt: Sie alle eint der Kampf gegen Unterdrückung. Die Frage der Nationalität spielt da keine Rolle.

Das Thema Ausgrenzung lässt auch der in Mexiko lebende Spanier Santiago Sierra den Biennale-Besucher an eigenem Leib erfahren: Beim Betreten des spanischen Pavillons steht man unvermittels vor einer raumhohen Mauer. Erst bei Umgehung des Pavillons erschließt sich die Arbeit: Von hinten ist der Bau begehbar – aber nur für Besucher mit spanischem Pass. Alle anderen werden von spanischen Grenzbeamten zurückgewiesen.

Damit erschöpft sich jedoch das politische Potenzial der Pavillons: Viele sind der Auseinandersetzung mit Skulptur und Malerei sowie dem Thema Genetik gewidmet. Besonders auffällig sind hierzu die Arbeiten der Australierin Patricia Piccinini. Im Stil von Duane Hanson schafft sie lebensechte Skulpturen, die nur noch entfernt menschlich scheinen. Da sitzt ein kleines Mädchen auf dem Boden und spielt mit Klumpen, die wie ein Mittelding zwischen Embryos und Knete wirken, ein anderes bestaunt affenähnliche Zwergwesen und, besonders krass, eine halb menschliche Muttersau liegt ermattet am Boden, um sie herum ihre Brut. Das alles wirkt halb niedlich, halb abstoßend – und auf jeden Fall sehr plakativ.

Formal am anderen Ende der Skala steht Michal Rovner. Die israelische Künstlerin fügt unzählige schwarze Strichmännchen zu einem tapetenartigen Wandbild, lässt sie wie Ameisen durcheinanderwuseln und stellt zu Laborbedingungen neues Menschenmaterial her. An der Fassade des Pavillons ist die Menge zu einem Strichcode geworden – ein strenger, ästhetisch überzeugender Kommentar zum Thema Genzüchtung. Polens Altmeister Stanislaw Drozdz, ein Vertreter der konkreten Poesie, lässt sich spielerisch auf das Thema Zufall ein: 279936 Würfelansichten füllen die Wände des polnischen Pavillons und lassen 46656 Möglichkeiten zu, wie sechs Würfel fallen können. Der Besucher ist eingeladen, am Spieltisch sein Glück zu versuchen und „seine“ Kombination an der Wand zu finden.

Einem anderen Altmeister, dem Bildhauer Bruno Gironcoli, hat Kurator Kaspar König den österreichischen Pavillon gewidmet - und hätte eigentlich am liebsten alle Pavillons der Giardini mit Gironcoli-Skulpturen gefüllt. Der kauzige, seit einem Schlaganfall nur mühsam kommunizierende Bildhauer ist berüchtigt dafür, sein Universum an Formen niemals fertigzustellen. Sein ganzes Atelier ist vollgestellt mit Entwürfen, Prototypen oder noch nicht vollendeten Werken. Etwas Wucherndes haben auch seine Skulpturen: Sie erinnern in ihren organischen Formen von Ferne an Francis Bacon, gelegentlich auch an Louise Bourgeois und zeigen, dass es höchste Zeit ist, diesen Bildhauer in seiner Bedeutung wahrzunehmen.

Und natürlich gibt es wieder den alten Streit: Malerei gegen Video. Die 50. Biennale hat ihn ganz im Sinne der Malerei entschieden – nicht nur, weil Biennale-Kurator Francesco Bonami sich geschworen hatte, die endlose Folge von Black Boxes, mit denen Harald Szeemann vor zwei Jahren die Kunstausstellung im Arsenale bestritten hatte, nicht wiederholen zu wollen. Im Museo Correr läuft unter dem Titel „Malerei: Von Rauschenberg zu Murakami 1964-2003“eine Retrospektive. Auch einige Neuentdeckungen in den Pavillons beweisen, dass die Malerei noch lange nicht tot ist: Der russische Pavillon ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der Malerei, teils, wie bei Wladimir Dubossarski und Alexander Winogradow, in der Tradition des sozialistischen Monumentalkitschs, teils, wie bei Valery Koshlyakov, als hinreißende Neuinterpretation klassischer Formen auf Pappe und Packpapier. Im nordischen Pavillon zeigt die Schwedin Mamma Karin Andersson in verblassenden Farben und mit klugen Bild-im-Bild-Spielen ihren Blick auf Wohnräume, Ruinen und Picknickgesellschaften.

Einen neunzigminütigen Videofilm gibt es dennoch, und zwar von einer Schweizer Newcomerin. Die 30-jährige Emmanuelle Antille wird als neuer Shooting Star der Kunstwelt gehandelt. Ihr „Angels Camp“ folgt einer Gruppe junger Menschen, die im Wald, am See und in Höhlen leben. Origineller ist der kanadische Beitrag, in dem die in Prag geborene Jana Sterbak einen Hund auf die Reise schickt - und die Kamera an seinem Hals gleich mit. Der Blick geht auf Hundeaugenhöhe mit, folgt allen Sprüngen, schnüffelndem Verweilen und rauschhaften Läufen – und das zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Der Hund erweist sich als hochbegabter Kameramann.

Und der deutsche Pavillon, von Julian Heynen betreut? Der ist fast ausschließlich der Fotografin Candida Höfer gewidmet, die ihre kühl-analytischen, menschenleeren Ansichten von Bibliotheken, Museen, Cafeterien und Bürogebäuden in den vier äußeren Räumen zeigt. Und in der Mitte? Ist ein schwarzes Loch. Ein U-Bahn-Schacht aus Martin Kippenbergers utopischem Metro-Net, mit Gitter überdeckt. Alle fünf Minuten ertönt das Geräusch eines einfahrenden Zuges. Die Biennale-Besucher, die sich nach dem letztmaligen Erfolg von Gregor Schneider im deutschen Pavillon besonders drängen, nutzen die Bahn schnell auf ihre Art und entfremden sie Marilyn-mäßig als Bodenkühlung. Eine Variante, die Kippenberger bestimmt gefallen hätte.

50. Biennale di Venezia, bis 2. November, täglich 10 bis 18 Uhr. Katalog (englisch und italienisch) 60 Euro. Informationen unter www.labiennale.org

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