Kultur : Natürlich fantastisch

Beobachtungen im argentinischen Buchmessen-Pavillon

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Streicheleinheiten für den Star. Eine Buchmessen-Mitarbeiterin sorgt dafür, dass Che Guevara das Treiben im Argentinien-Pavillon faltenfrei beobachten kann. Foto: dpa/Boris Roessler
Streicheleinheiten für den Star. Eine Buchmessen-Mitarbeiterin sorgt dafür, dass Che Guevara das Treiben im Argentinien-Pavillon...Foto: dpa

„Wir kommen von den Schiffen“, sagen die Argentinier über sich. Die Literatur des Buchmessen-Gastlandes, so wird bei einem ersten In-See-Stechen schnell klar, ist eine der Überraschungen, der intellektuellen Volten, aber auch der politischen Abgründe. Im argentinischen Pavillon, einem Labyrinth aus Stoffbahnen, das den verrätselten Kopfgeburten des Nationaldichters Jorge Luis Borges Reverenz erweist, schwankt im Wortsinn der Boden: Er ist nicht eben, sondern wurde nach dem Vorbild von Schiffsplanken aus zahlreichen, fast unmerklich schiefen Platten zusammengesetzt.

„Unser Spanisch ist anders als das iberische, wir sprechen anders, atmen anders“, sagte Ivonne Bordelois bei einer Diskussion über die Sprache der Argentinier von Cervantes bis Borges. Zwar habe sich die einstige Kolonie sprachlich nie von der spanischen Mutter trennen können, doch die iberische Norm wurde zunehmend als autoritär empfunden. Argentinien, das 2010 sein „Bicentenario“, das 200-jährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit, begeht, zählt mehr europäische Einwanderer als jeder andere südamerikanische Staat. Zeitweise habe sich die „Generation ’26“, die kulturelle Elite rund um Borges, von den ausländischen Einflüssen bedroht gefühlt, so Bordelois. Das führte zu einer „Argentinisierung“ der Schriftsprache. Diese bezieht ihre Vitalität aus dem Inneren des riesigen Landes, fern von Buenos Aires und seinen Wolkenkratzern. Ein Foto des 1936 errichteten Kavanagh-Gebäudes teilt sich die Aufmerksamkeit mit einem gewaltigen Saurierkopf.

Daneben sind Fotowände mit Autorenporträts in Schwarz-Weiß aufgestellt. Gut 400 Schriftsteller und Journalisten verschwanden während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Eine Fülle entsprechender Erinnerungsliteratur ist in diesem Herbst auf Deutsch erschienen, darunter Martín Kohans Roman „Sittenlehre“ (Suhrkamp), der sich herausragend mit der Oppression während des Falklandkriegs ab 1982 auseinandersetzt.

Kohan, Jahrgang 1967, diskutierte mit dem Romancier und früheren chilenischen Botschafter Antonio Skármeta über die „drückende Last der Vergangenheit“ ihrer Länder. „Ich habe Angst verspürt, ohne dass ich mir dessen bewusst war“, erinnerte sich Martín Kohan an seine Kindheit in der Diktatur. Der eine Generation ältere Skármeta dagegen, der 1973 vor der Pinochet-Junta nach West-Berlin geflohen war, erlebte den Putsch als „Naturkatastrophe“: „Etwas in unserem Wesen, in unserer Natur wurde zerbrochen. Ich konnte lange Zeit über nichts anderes schreiben.“ Und heute? Skármeta ist nach Santiago zurückgekehrt, Kohan erlebt als Uni-Dozent eine von den Schatten der Diktatur befreite junge Generation, die dem „neoliberalen Schwachsinn“ anheimfalle.

In Argentinien, wo viele Mittdreißiger als Kinder verschleppter Junta-Opfer bis heute nicht ihre wahre Identität kennen, ist ein Polizeikommissar als positiver Held undenkbar. Das verriet der Kriminalautor Raúl Argemí seinem bayerischen Kollegen Friedrich Ani. Ohnehin ist und bleibt das liebste argentinische Genre die fantastische Literatur. Schon Borges empfand das Universum als etwas Komisches, nicht mit Worten Ausdrückbares, und Julio Cortázar öffnete eine Tür nach der anderen in irreale Welten. „Wir haben eine ganz nüchterne, fantastische Wirklichkeit“, meint die Autorin Ana Maria Shua über das argentinische „fantastico cotidiano“. Ein Dialog zwischen Borges und einem Kollegen wird wie folgt überliefert: „Was schreibst du?“ – „Eine fantastische Erzählung. Und du?“ – „Ich auch.“ „Wie schön“, soll Jorge Luis Borges geantwortet haben: „Das ist es, was von uns erwartet wird.“

Und dann sind da natürlich noch die Tango-Texte: „Ein leeres Nest und ein alter Weg / und der Geist der Abwesenheit, sehr traurig und sehr grau“ heißt es in „Paisaje“ („Landschaftsbild“) des von der gesamten Nation verehrten Homero Manzi. Obwohl der italienischstämmige Textdichter, Journalist, Politiker und Kino-Enthusiast 1951 mit nur 44 Jahren starb, hat er sich mit seinen eigenwilligen Versen tief ins Herz seiner Landsleute eingeschrieben. Der Tangolehrer Eckart Haerter aus Göttingen hat nun gemeinsam mit Jorge Coscia vom argentinischen Kulturministerium Manzis Verse erstmals auf Deutsch herausgebracht – weil es ihn störte, „dass unsere Schüler nicht verstehen, was sie tanzen“. Leider ist „100 Tangos“ mangelhaft lektoriert.

Deutsche Literatur übrigens, die bei der argentinischen Leserschaft Erfolg haben will, sollte „kurz und kompliziert“ sein, verriet Nicolás Gelormini, der zuletzt unter anderem Katja Lange-Müllers Roman „Böse Schafe“ übersetzt hat.

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