Kultur : Natürlich nackt

DDR-Aktfotograf Günter Rössler wird 80

Henri Kramer

Er hat Jahrzehnte lang die schönsten Frauen des Ostens fotografiert, ihre Körper mit seiner Kamera abgetastet. Doch das „zauberhafteste weibliche Wesen“, das Günter Rössler in seiner jüngst erschienenen Biografie „Mein Leben in vielen Akten“ vorstellt, ist seine zweijährige Tochter Filia. Mit seiner zweiten Ehefrau, der 44 Jahre jüngeren Kirsten Schenke, zieht er das gemeinsame Kind auf. Heute feiert der wichtigste Akt- und Modefotograf der DDR seinen 80. Geburtstag.

Schlicht und einfach, natürlich nackt sollten die Modelle sein, die Rössler seit den sechziger Jahren vor seine Kamera holte: Modelle, keine Models, wie er betont. Das erinnerte ihn zu sehr an Styling; seine „Mädchen“ tragen weder Schmuck noch Stöckelschuhe. Sie stehen stattdessen vor Fenstern oder liegen auf der Couch, wie zu Hause. Bis heute ist der Fotograf auf der Suche nach dem ewig Weiblichen, einer Schönheit, die er ungeschminkt zeigen will.

Seine Arbeit mit der Kamera begann kurz nach der Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern. Nach Fotografielehre und -studium wurde der Leipziger ab 1951 freischaffender Fotograf, etwa für die Zeitschriften „Sybille“ und „Das Magazin“, in dem seine ersten Aktaufnahmen erschienen. Mit seinen Fotos sorgte er auch im Westen für Aufsehen. 1984 druckte der „Playboy“ zehn Seiten mit Bildern von Mädchen aus der DDR. Sie zeichnen sich durch ihre offenen Gesichter aus, ihren fast privaten Blick auf den Betrachter – dazu viel weiße Haut, umspielt von dunklen Schatten. Doch gibt es nicht nur Aktfotografien. Zu seinem Werk gehören auch die Fotos seiner Reisen durch Osteuropa: Porträts von Nomaden, aber auch Momentaufnahmen fröhlicher Volkstänze.

Bis heute ist Rössler ein Fotograf alter Schule geblieben. Digitalfotografie lehnt er ab. Lieber stellt er sich für Stunden in die Dunkelkammer und entwickelt seine Filme von Hand, bis sie die charakteristischen scharfen Kontraste bekommen. Die Vorliebe für schwarz-weiße Bilder hat ihm das doppelbödige Kompliment eingebracht, der „Helmut Newton des Ostens“ zu sein. Ein Vergleich, den Rössler wenig schätzt. Seine Modelle sollen nicht posieren, sondern natürlich weiblich sein.

Günter Rössler, Mein Leben in vielen Akten, Verlag Das neue Berlin, 2005, 256 Seiten, 24,90 €.

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