Kultur : Natur in Tönen

GREGOR SCHMIDT-STEVENS

Obwohl Martin Demmler, Kurator des Neue-Musik-Festivals "Ultraschall", den Verzicht auf ein Generalthema zum Programm gemacht hatte, zeichnete sich am vorletzten Veranstaltungstag doch ein deutlicher Japan-Schwerpunkt ab: nach einer Präsentation traditioneller Musik im Kleinen Sendesaal des SFB spielte das Deutsche Symphonie-Orchester im Großen Saal vier zeitgenössische japanische Werke.Im Zentrum stand dabei die Uraufführung des Saxophonkonzertes von Toshio Hosokawa, das er dem Berliner Saxophonisten Johannes Ernst auf den Leib geschrieben hat.

Will man ein Konzert soziologisch deuten, so legt man für gewöhnlich das Konfrontationsmodell von Individuum und Gesellschaft zugrunde; Hosokowa jedoch bezieht sich in seinem Konzert ausdrücklich auf die Gegenüberstellung von Mensch und Natur.Die Musik ist hier ein dramatischer Klangfluß, klar, fast organisch gegliedert in ein mehrfaches wellenförmiges An- und Abschwellen.Mit Bariton-, Tenor- und Altsaxophon geht die Solostimme von Johannes Ernst mal in den naturhaften Wind- und Atemgeräuschen der Bläser auf, mal steht sie dem sanften Klang der in zwei Gruppen geteilten Streicher kontrastierend gegenüber.Caspar David Friedrichs Gemälde "Der Mönch am Meer" sei eine besondere Inspirationsquelle für das Stück gewesen, gibt Hosokawa in seinem Werkkommentar an - und man glaubt, diese romantische Grundstimmung aus der Musik herauszuhören, auch wenn er in den kompositorischen Mitteln auf die japanische Tradition und die westliche Avantgarde zurückgreift.In dieser Mischung hinterließ das etwa viertelstündige Werk einen starken Eindruck, zumal Ken Takaseki das Orchester ausgezeichnet vorbereitet hatte und auch Johannes Ernst den schwierigen Solopart souverän bewältigte.So wirkte diese Uraufführung auch stärker als Hosokawas Orchesterstück "Ferne Landschaft II", komponiert 1996, in dem der Naturgedanke zwar im Titel hervortritt, aber in der zentraltönig und räumlich angelegten Musik nicht so deutlich zu hören ist.

Der Musik Hosokawas, die ihre Kraft und Dramatik aus antagonistischen Spannungen bezieht, stand die emotionslose Statik von Jo Kondo gegenüber: in "To the Headland" verändern sich uniforme Bewegungen langsam, werden Klangzustände ineinander überführt.Es entsteht der Eindruck einer Musik als Objekt, die sich weniger in der Zeit entfaltet als vielmehr von unterschiedlichen Seiten betrachtet werden kann.Vielleicht ist der zwiespältige Eindruck, den das Werk hinterließ, auch auf die mangelhafte Ausführung zurückzuführen - die Schwierigkeiten der vermeintlich einfachen Partitur sind offenbar unterschätzt worden.Ganz anders in Toru Takemitsus "Winter", einem kurzen Orchesterstück aus dem Jahr 1971, dessen irisierende Klangfarben das Orchester betörend entfaltete.Der Klang steht hier im Zentrum der kompositorischen Arbeit, die zu konzentriertem Zuhören animiert, den Hörer in die Klänge hineinzieht und ihm dort eine neue Welt eröffnet: eine Natur in Tönen.

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