Kultur : Naturgewalten

JÖRG KÖNIGSDORF

Ein französisches Orchester auf Tournee spielt Debussy, ein russisches Tschaikowsky, aber ein schottisches - vor allem keine englische Sinfonik.Der einzige Herkunftsverweis beim Gastspiel des BBC Scottish Symphony Orchestra in der Philharmonie bleibt daher mit Mendelssohns "Hebriden-Ouvertüre" recht dezent.Dem Spiel der Musiker nach zu urteilen, die diese Inselgruppe und die von Mendelssohn musikalisch beschriebene Fingals-Höhle aus eigener Anschauung kennen dürften, geht es dort gar nicht so stürmisch zu wie erwartet: Mit feinsten Pianissimo-Verästelungen scheinen die vorbildlich homogenen Streicher die zahllosen Basaltsäulen in der Naturgrotte nachzeichnen zu wollen - erst gegen Ende bricht die Wucht der Naturgewalt in die beschauliche Stimmung hinein.Chef des schottischen Rundfunkorchesters ist seit 1996 der Finne Osmo Vänskä.Ein klar strukturierender, unpathetischer Musiker, der Haydns D-Dur Cellokonzert ungewöhnlich forsch angeht.Ein straffer, klassisch konturierter Haydn, ganz auf den Starsolisten Mischa Maisky abgestimmt.Der absolviert seinen Part fast zu direkt, spielerische Gelassenheit und graziöse Schattierungen, wie sie der langsame Satz gut vertragen hätte, sind seine Sache nicht.Die ganze Magie seines dunklen Cellotons entfaltet er erst in der Zugabe, Bachs c-Moll-Sarabande.Vänskä gilt auch aufgrund seiner editorischen Auseinandersetzung mit Urfassungen als Sibelius-Experte.Auch die erste Sinfonie geht er mit durchweg raschen Tempi an, sichert so gerade im Kopfsatz den Zusammenhalt der meist auseinanderfallenden Episoden.Kein raunender Sibelius ist das, sondern ein Komponist, der getreu dem Vorbild Tschaikowsky versucht, romantischen Ausdruck und klassische sinfonische Form auszubalancieren.Wer mehr Sentiment erwartet hatte, bekam wenigstens eine hingehauchte "Valse triste" mit auf den Heimweg.

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