Kultur : Naumanns Abgang: Vom Minister zum Herausgeber

Thomas Kröter

Kulturstaatsminister Michael Naumann gibt sein Amt auf, um Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" zu werden. Nachfolger wird der Münchener Kulturreferent Julian Nida-Rümelin. Das wurde dem Tagesspiegel am Mittwoch aus mehreren Quellen in Regierungs- und Koalitionskreisen bestätigt. Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich gestern zu Gesprächen mit EU-Kommissionspräsident Prodi in Brüssel aufhielt, war zunächst nicht zur Stellungnahme bereit. Er will mit dem neuen und dem bisherigen Staatsminister am Donnerstag vor die Medien treten.

Die Wechselabsichten Naumanns waren in der Bundesregierung schon seit längerem bekannt. Einen ersten öffentlichen Hinweis auf eine weitere Veränderung im Bundeskabinett hatte der Kanzler am Sonntag in der ZDF-Sendung "Berlin direkt" gegeben. Angesprochen auf den Rücktritt von Verkehrsminister Reinhard Klimmt sagte Schröder: "Ich plane keine Kabinettsumbildung. Es kann immer sein, dass der eine oder andere eine andere Perspektive entwickelt."

Es war vereinbart worden, mit der Bekanntgabe der Entscheidung zu warten, bis Naumanns Gespräche abgeschlossen waren. Dies wurde durch eine Meldung der Zeitung "Die Woche" durchkreuzt. Nach Angaben aus Regierungskreisen kam die Indiskretion aus München und der bayerischen SPD. Die Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der außer der "Zeit" auch der Tagesspiegel gehört, bestätigte indirekt dessen Berufung. Gespräche mit Naumann stünden unmittelbar vor dem Abschluss. Der bisherige Chefredakeur der Wochenzeitung, Roger de Weck, werde das Haus zum Jahresende verlassen. Naumann hat schon früher bei der "Zeit" gearbeitet und war in verschiedenen Funktionen verlegerisch für die Verlagsgruppe Holtzbrinck tätig, vor seinem Wechsel in die Regierung zuletzt in New York.

Wie in Berlin verlautet, gab Naumann auch private Gründe für seinen Wechsel an. In Koalitionskreisen heißt es jedoch, der 58-Jährige sei schon seit längerem unzufrieden mit seiner Aufgabe gewesen. Er wird als ein Mensch beschrieben, der gerne selbstständig arbeite und umgehend durchsetzen wolle, was er sich vorgenommen habe. Dies sei ihm in der Politik nicht möglich gewesen. Auch die Schwierigkeiten mit der Berliner Landespolitik in der Hauptstadt sollen zu seiner Missstimmung beigetragen haben. Zuletzt hatte Naumann mit einem Aufsatz in der "Zeit" Aufsehen erregt, in dem er die Kulturhoheit der Länder in Frage stellte.

Naumanns Nachfolger Nida-Rümelin, der seit Juli 1998 das Münchner Kulturreferat leitet, gilt schon seit Jahren als Kandidat für höhere Aufgaben. Renate Schmidt hatte den früheren Juso-Vorsitzenden von München vor der bayerischen Landtagswahl 1994 als Wissenschaftsminister in ihrem Schattenkabinett. Zu diesem Zeitpunkt stritt Nida-Rümelin als Göttinger Philosophieprofessor aber auch mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Schröder um mehr Geld für die Wissenschaft. 1998 wurde in München der Posten des Kulturreferenten frei, und Oberbürgermeister Christian Ude griff auf den gebürtigen Münchner zurück. Sofort begann er mit einer Strukturreform in der Kulturverwaltung und baute ein Sachgebiet "Wissenschaft und Stadt" auf.

Kulturschaffende bewerteten die Bilanz von Minister Naumann unterschiedlich. Während Schriftsteller Walter Kempowski Naumanns Arbeit als "eher deprimierend" bezeichnete, lobte Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld sie als "hervorragend".

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