Navid Kermanis "Große Liebe" : Mit 15 hat man noch Gefühle

„Große Liebe“: Navid Kermani entwirft ein Erzählpuzzle zwischen Planspiel und Sufi-Mystik.

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Ohnmacht beim Wiedersehen. Leila und Madschnun in einer persischen Miniatur aus dem 15. Jahrhundert.
Ohnmacht beim Wiedersehen. Leila und Madschnun in einer persischen Miniatur aus dem 15. Jahrhundert.Foto: Roland and Sabrina Michaud / akg

Nur eine Fünftelsekunde entscheidet darüber, ob ein Mensch sich verliebt – sagen Neurowissenschaftler. So schnell wird beim ersten Kennenlernen über „anziehend“ oder „nicht anziehend“ geurteilt. Angeblich glauben rund 92 Prozent der Deutschen an „Liebe auf den ersten Blick“, rund die Hälfte von ihnen will sie selbst schon einmal erlebt haben. Bei Navid Kermani aber liegen die Dinge ein wenig anders.

Den berühmten ersten Blick, das Verschmelzen zweier Augenpaare gibt es bei ihm zunächst nicht. Es handelt sich vielmehr um eine „Große Liebe“ auf den ersten Anblick: „Das erste Mal hat er mit fünfzehn geliebt und seither nie wieder so groß. Sie war die Schönste auf dem Schulhof, stand in der Raucherecke oft nur zwei oder drei Schritte entfernt, ohne ihn zu beachten“, heißt es zu Anfang. „Die Schönste auf dem Schulhof“ ist eine vier Jahre ältere Abiturientin, unerreichbar eigentlich für den Jungen. Wie er sie dennoch erobert und binnen nur einer Woche wieder verliert, davon handelt diese hinreißende, anrührende und manchmal auch sehr komische Liebesgeschichte.

Liebe ist nicht nur „ein unordentliches Gefühl“, es ist auch und vor allem ein interkulturelles Gefühl, so alt wie die Menschheit. Und so konterkariert der Orientalist, Philosoph und gewiefte Erzähler Kermani die eigentliche Handlung mit wunderbaren Einschüben aus der arabisch-persischen Liebesmystik. Auch dort ist die Rede von der „Unordnung, die den Geist des Liebenden erfasst“. Die Liebe setzt in der persischen Dichtung „zwingend mit der ersten Begegnung“ ein. So beschrieb der Dichter Nizami im 12. Jahrhundert die unglückliche Liebesgeschichte zwischen Madschnun und Leila: „Er war ertrunken im Liebesmeer, noch ehe er wusste, dass es Liebe gibt. Er hatte sein Herz schon an Leila verschenkt, ehe er noch bedenken konnte, was er da weggab.“

Doch zurück zum Kurzzeit-Paar, zum Jungen und zu Jutta, „der Schönsten“, wie sie beharrlich genannt wird. Zurück zur Magie des ersten Satzes, in dem sich die Sehnsucht nach dem schönen Vergangenen dieser Jugendliebe mit der Unzufriedenheit in der Gegenwart des Ich-Erzählers paart: „Das erste Mal hat er mit fünfzehn geliebt und seither nie wieder so groß.“ Über die Liebesgeschichte des Jungen wird in der Maske der dritten Person berichtet. Auf diese Weise hält der Ich-Erzähler sich diesen „närrischen Verliebten“ von damals erst einmal vom Leibe. Alles, was ihm heute an seinem Gefühlsüberschwang peinlich erscheint, kann durch den Wechsel vom „Ich“ zum „Er“ verkleidet und dennoch enthemmt beschrieben werden: „Ich war durchaus nicht immer der Teilnahmslose, für den ich mich in Gefühlsdingen heute halte. Dennoch erkenne ich mich in dem Jungen nicht wieder, ist er nicht ich und die Verfremdung durch die dritte Person mehr als bloß ein literarischer Trick.“

Man darf mutmaßen, dass dieses erzählende Ich über eine gewisse schriftstellerische Erfahrung verfügt. Genaueres erfährt man jedoch nicht. Der stets an sich zweifelnde Ich-Erzähler gibt sich lediglich als Studierter, Ehemann, Geschiedener und Vater eines gerade 15-Jährigen zu erkennen. Nun sitzt er in seinem „behaglichen Arbeitszimmer“ und leistet, 30 Jahre nach dem Geschehenen, Erinnerungsarbeit. Sie offenbarte ihm zum ersten Mal die Erfahrung der Auflösung des eigenen Ich: „Später nämlich, später, wenn man sich gefunden zu haben meint, will man sich doch oder wollte jedenfalls ich mich behalten, bestand ich auf mir und erst recht in der Liebe.“

Doch der Stachel der Sehnsucht, diesen „göttlichen“ Zustand der Auflösung noch einmal so intensiv zu erfahren wie zur Jugendzeit, sitzt tief – und wird zum Schreibimpuls. Der Ich-Erzähler tritt schnell ein in das Zwiegespräch mit einem möglicherweise skeptischen Leser, nimmt Einwände und Kommentare einfach vorweg. Er lässt uns teilnehmen an dem Work-in-Progress, für das er genau 100 Tage Schreibzeit vorgesehen hat. Sie entsprechen den 100 kurzen Kapiteln des Romans. Von Naivität keine Spur: Der hochemotionale Stoff der holden Jugendzeit gerinnt zu straffer Planung und komplexer Komposition, zu subtilen Reflektionen über den Schreibprozess.

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