Kultur : Nazi-Unrecht verjährt nicht

BGH-Urteil: Sachs erhält Plakatsammlung zurück.

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Es ist eine spektakuläre Entscheidung: Der Bundesgerichtshof hat das Deutsche Historische Museum am Freitag zur Rückgabe der über 4000 Plakate der Sammlung Sachs an Peter Sachs verurteilt, den Sohn des jüdischen Sammlers Hans Sachs. Der Wert des Konvoluts mit Werken von Käthe Kollwitz, Otto Dix und Henry van de Velde sowie dem Titelblatt des Satireblatts „Simplicissimus“ beläuft sich auf gut 4 Millionen Euro. Die Karlsruher Richter befanden, dass bei verschollenen Kunstwerken eine Verjährung spätere Ansprüche nicht zunichte mache. Auch eine „Verwirkung“, weil weder der Sammler noch später seine Witwe Forderungen geltend machten, war offenbar nicht gegeben. Nationalsozialistisches Unrecht, so die Richter, darf nicht fortgeschrieben werden. So kurz, so klar.

Es ist das erste Mal, dass der BGH eine öffentliche Institution zu einer Restitution verpflichtet. Ob damit ein Präzedenzfall geschaffen ist und künftig mehr zugunsten von Vorbesitzern entschieden wird, lässt sich erst nach Bekanntgabe der genauen Urteilsbegründung sagen.

Der Fall, bei dem das Berliner Landgericht 2009 für die Rückgabe und das Kammergericht 2010 dagegen plädierte, ist besonders kompliziert. Die einzigartige, 12000 Plakate umfassende Sammlung des jüdischen Zahnarzts Hans Sachs war 1938 von der Gestapo beschlagnahmt worden, kurz danach emigrierte die Familie nach Amerika. Die Plakate tauchten nach Kriegsende in Teilen in einem OstBerliner Keller auf und wurden zu DDR-Zeiten dem Zeughaus-Museum übergeben, dem Vorgänger des DHM. Die Bundesrepublik entschädigte Sachs 1961 mit 225 000 Mark.

Eine Summe, deren aktuellen Gegenwert der Sohn des 1974 verstorbenen Sammlers nun zurückzahlen muss. Peter Sachs hatte sich ab 2005 um die Restitution bemüht, das DHM wies sein Ansinnen zurück, unterstützt von der Limbach-Kommission als Schlichtungsgremium, die auf Hans Sachs’ „deutlich zum Ausdruck gebrachten Willen“ verwies, die Sammlung im DHM zu belassen. Das Berliner Landgericht jedoch hatte in erster Instanz dem Anspruch des Erben stattgegeben, unter anderem weil die Eheleute Sachs keine Chance gehabt hätten, ihren Besitz von der DDR zurückzuverlangen. Schon damals, 2009, stritten sich die Experten über Verbleib oder Rückgabe – in dieser Zeitung etwa die Anwälte Peter Raue und Gunnar Schnabel.

Das Museum zeigte sich nun von der Karlsruher Entscheidung überrascht, aber „akzeptiert sie natürlich“, so DHM- Sprecher Rudolf Trabold. „Nun ist Rechtssicherheit geschaffen und damit die Grundlage, um einvernehmlich miteinander zu reden.“ Auch im Hause von Kulturstaatsminister Bernd Neumann begrüßte man die Rechtssicherheit. Im Sinne des Sammlers wünscht sich das Museum, „dass die Sammlung erhalten bleibt und der Öffentlichkeit wie der wissenschaftlichen Forschung zur Verfügung steht“, so Trabold. Einige Plakate wurden eine Zeitlang in der ständigen Ausstellung des Museums präsentiert, aktuell ist dies nicht der Fall. Laut Trabold handelt es sich „um fragile Objekte, „die hohe kuratorische Sorgfalt erfordern“. Nun will man zeitnah das Gespräch zu Peter Sachs suchen.

Ankauf? Dauerleihgabe? Verzicht auf die Erstattung der Entschädigungssumme zugunsten eines Vertrags, der Sachs die Pflege seiner Sammlung garantiert? Über all das lässt sich verhandeln. Es sei denn, Peter Sachs präsentiert die Schätze seines Vaters nicht anderswo in anderer Form oder bietet Plakate auf dem Kunstmarkt an. Was seit Freitag sein gutes Recht ist. Auch restituiertes Eigentum ist immer noch: Eigentum. Christiane Peitz

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