Kultur : "Nazi-Vergangenheit wird verdrängt" - Kritik an Schröders Mahnmal-Äußerungen

Nach der Trauerfeier für Ignatz Bubis hat das Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, der Bundesregierung vorgeworfen, die Nazi-Vergangenheit zu verdrängen. Zugleich beklagte er Antisemitismus in den Reihen der Politik. "Diese Bundesregierung verwechselt nach meinem Eindruck Ernsthaftigkeit und Tiefe, die bei der Einordnung der Geschichte notwendig wären, mit einer oberflächlichen Haltung des Belästigtseins", sagte Friedman, der Mitglied der CDU ist, in einem Interview der Zeitung "Die Woche".

"Es gibt inzwischen eine Vielzahl von populistischen Signalen, die eine fatale Sehnsucht nach Normalität bedienen und die Haltung transportieren: Wir lassen uns von der Geschichte nicht mehr stören", sagte Friedman. Er sehe Ansätze für eine linke Schlussstrich-Debatte und sei "irritiert über die Flapsigkeit, über die Oberflächlichkeit, aber auch über die Parteinahme" von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in der Frage des Holocaust-Mahnmals.

Friedman kritisierte zudem Schröders Haltung zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern. "Natürlich haben Leute, die glauben, weil sie links sind, könnten sie gar keine Rassisten oder Antisemiten sein, die Illusion, sie müssten nichts mehr beweisen." Als Bestätigung von Ignatz Bubis letzten, resignativen Interview-Äußerungen wertete Friedman die Entscheidung der Bundesregierung, keine eigene Trauerfeier für den verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden auszurichten. "Es wäre nicht bedeutend gewesen, wenn es diesen Staatsakt gegeben hätte. Aber es hat eine Bedeutung und eine Symbolik, dass es ihn nicht gab", sagte er. Bubis sei enttäuscht gewesen "von den Schröders und Schäubles, das heißt, von der Mehrheit der politischen Repräsentanten".

Friedman sprach zugleich von Antisemitismus in der Politik. "Antisemitismus ist überparteilich, unabhängig von Bildung und unabhängig vom Einkommen." Auf die Frage, wie er Antisemitismus in der Politik spüre, sagte er laut "Die Woche", es gebe eine "subtile Form, die immer wieder in Erscheinung tritt", in Form von Versprechern, Missverständnissen und Ratschlägen wie: "Sie sollten weniger in der Öffentlichkeit auftreten, weil sonst die Menschen glauben, dass die Juden überall Einfluss haben." Es gebe zudem "einen subtilen Antisemitismus, der sich in Philosemitismus niederschlägt". Beides sei "in der Elite so verbreitet wie in allen anderen Schichten".

0 Kommentare

Neuester Kommentar