Nazikunst : Nackte Popos statt handfester Propaganda

Nach dem Zweiten Weltkrieg verordnete die amerikanische Militärverwaltung die Abschließung von Nazikunst. Sie galt als gefährlich. Nun zeigt eine neue Website unbekannte fotografische Dokumente zur staatlich geförderten Kunst der NS-Zeit.

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Genehme Kunst. Blick in die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München mit der „Sieger“-Skulptur von Ottmar Obermeier.
Genehme Kunst. Blick in die „Große Deutsche Kunstausstellung“ 1937 in München mit der „Sieger“-Skulptur von Ottmar Obermeier.Foto: picture-alliance / akg-images

Wer vor zwanzig Jahren Nazikunst im Besitz der Bundesrepublik im Original sehen wollte, benötigte einen Erlaubnisschein, ausgestellt vom Bundesfinanzministerium. Derart ausgestattet, musste man sich auf den Weg nach München machen. Im Lager der Oberfinanzdirektion und letztlich dem Ministerium unterstehenden Hauptzollamt stieg der Besucher dann ins Dachgeschoss zu den dort lagernden künstlerischen Hervorbringungen: jene Werke, die ein halbes Jahrhundert zuvor auf der jährlichen „Großen Deutschen Kunstausstellung“ (GDK) im 1937 eröffneten Haus der Deutschen Kunst gezeigt worden waren. Nazikunst galt als gefährlich. Schon die amerikanische Militärverwaltung nach dem Zweiten Weltkrieg verordnete ihre Abschließung. Erst die Wiedervereinigung gab der Bundesrepublik die Verfügungsgewalt über das unselige Erbe des „Dritten Reiches“. Und die Verantwortung.

Nur durch wissenschaftliche Bearbeitung, nicht angstgeleitete Verbote aber kann dieser Verantwortung Rechnung getragen werden. Die Datenbank www.gdk-research.de erlaubt nun einen Blick auf die in München zwischen 1937 und 1944 im Sommer gezeigten Produkte derer, die in der „Reichskammer der bildenden Künste“ den Vorgaben des Regimes willig folgten. Und erneut raschelt es in den Medien, am vernehmlichsten in der „FAZ“: „Wer die Datenbank benutzt, steigt in den Giftschrank der Kunstgeschichte, der toxische Substanzen enthält, die aus den Archiven des Deutschen Historischen Museums und dem Haus der Kunst stammen.“ Beide Einrichtungen waren an der Erarbeitung beteiligt, das Berliner DHM zudem als Hüter der aus dem Hauptzollamt entlassenen Werke.

Bereits in den Siebzigern wurde in der Bundesrepublik heftig diskutiert, ob Nazikunst eine „toxische Substanz“ sei. Der Frankfurter Kunstverein präsentierte 1974 mit der Ausstellung „Kunst im 3. Reich. Dokumente der Unterwerfung“ erstmals eine Übersicht. Die „Zeit“ urteilte damals gelassen: „Politisch ist diese Ausstellung weitgehend ungefährlich.“

Nur ein Teil der insgesamt rund 11 000 gezeigten Arbeiten, die zu mehr als der Hälfte auch verkauft worden waren, ist im Original erhalten oder durch Abbildungen überliefert. Hardcore-Propaganda ist darunter nicht zu finden: Die Mehrzahl der NS-Bilder sind Landschaften, Stillleben und Genres, Letztere meist mit jenem süßlichen Überzug, den der Makart-Liebhaber Hitler so sehr bevorzugte. Vielmehr erstaunt, dass die NS-Kulturpolitik so wenig handfeste Propagandakunst zustande brachte. Selbst in den gern gewählten Themen von Technik und Baugeschehen fehlt meist das heroische Moment, das die sowjetischen Kollegen zielsicher einzusetzen wussten. In der beliebten Aktmalerei kommt der lüstern-verklemmte Kleinbürger als Adressat der Münchner Verkaufsausstellungen auf seine Kosten.

Hitler, der anfangs die Auswahl der Werke beaufsichtigte, war mit dem erreichten Ideologiegehalt unzufrieden. 1939, exakt einen Monat vor Entfesselung des Weltkrieges, äußerte er Kritik in seiner verschwurbelten Art , indem er ankündigte, „nunmehr von Ausstellung zu Ausstellung einen strengeren Maßstab anzulegen und aus dem allgemeinen anständigen Können nun die begnadeten Leistungen herauszusuchen“. Zitiert findet sich Hitlers Eröffnungsansprache zur dritten GDK übrigens bei Joseph Wulf, dessen Dokumentation „Die bildenden Künste im Dritten Reich“ bereits 1963 ein Feld absteckte, das erst jetzt, mit der neuen Datenbank, vollständig bearbeitet werden kann. Es wurde Zeit.

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