NBK-Ausstellung „Giving Contours to Shadows“ : Im Schatten der Befreier

Die Reihe "Giving Contours to Shadows" des Neuen Berliner Kunstvereins thematisiert die Langzeitfolgen der Kolonialzeit - und wirkt als Korrektiv zur aktuellen Berlin Biennale.

Claudia Wahjudi
Foto: n.b.k

In seiner Eröffnungsrede brachte Kurator Bonaventure Ndikung eine steile These: Postkolonialismus, die bewusste Auseinandersetzung also mit einer vorangegangenen Kolonialzeit, war gestern – zumindest in der Kunst. Heute thematisierten jüngere Künstlerinnen und Künstler mit postkolonialem Hintergrund lieber ihren Alltag als die Unabhängigkeitskämpfe zum Beispiel ihrer Väter und Großväter.

Das ist einigermaßen kurios, denn die Ausstellung, die Ndikung gemeinsam mit Elena Agudio ausrichtet, beweist eigentlich das genaue Gegenteil. „Giving Contours to Shadows“ handelt, mit den Mitteln der Kunst, von herrschenden Diskursen über die Geschichte Afrikas. Bereits das lässt ahnen, dass die Behauptung des deutschen Kurators aus Kamerun vor allem produktive Provokation ist.

Knapp 30 Künstler und Künstlerteams erörtern an drei Spielorten, im Neuen Berliner Kunstverein (NBK), am Maxim-Gorki-Theater und bei Savvy Contemporary, Ndikungs und Agudios großem Projektraum in Neukölln, Kolonialherrschaft, Befreiung und heutiges Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd. Historische Ereignisse lassen die später Geborenen offenkundig nicht los.

Wie ein Beleg dafür stehen mitten im NBK die Bücher von Frantz Fanon, dem 1961 gestorbenen Theoretiker der Unabhängigkeitsbewegungen. Der Künstler Mathieu Kleyebe Abonnenc hat die Bände auf Regalbretter gestellt, und zwar mit den Titelseiten nach vorn. So lässt sich erkennen, wie die Umschläge die Rezeption von Fanons Werk in Europa und den USA spiegeln: von den frühen Covern mit denunzierenden Karikaturen Schwarzer bis zu den abstrakten Farbflächen der derzeit aktuellen deutschsprachigen Taschenbuchausgabe.

Die Ablösung von den Kolonialmächten taucht in allen Ausstellungsteilen auf: etwa am Gorki-Theater in Kapwani Kiwangas bebilderter Lesung über Afrofuturismus, und auf dem Richardplatz, wo in Jelili Atikus Performance eine sommerlich gekleidete Europa einen Schwarzen unterwarf. Oder in Kiluanji Kia Hendas Fotos von Standbildern und Kanonen der Kolonialherren im Neuköllner Kunstlaboratorium Savvy, die nun in Werkstätten zersägt und recycelt werden.

Mit solch konkreten Bildern wirkt die Schau als Korrektiv zur aktuellen Berlin Biennale, die Langzeitfolgen der Kolonialzeit eher formal versöhnlich verhandelt. Dagegen steht „Giving Contours To Shadows“ in der dokumentarisch-emanzipativen Tradition der 11. Documenta von Okwui Enwezor, auch dank begleitender Gesprächsrunden etwa in Lagos, Dakar und Ende Juni in Berlin.

Ein bisschen recht hat Kurator Ndikung dennoch. Selbstverständlich widmen sich die Künstler dem Jetzt und dem Morgen. Besonders deutlich machen das Bouchra Kahlilis stimmungsvolle Filmporträts von Arbeitsmigranten, die vom Elend der Welt berichten, vom Schuften ohne nennenswerten Ertrag und von Einsamkeit. Und der Klimawandel spielt die Hauptrolle in Wanuri Kahius kurzem Science-Fiction-Film „Pumzi“. Doch auch hier wirkt die antikoloniale Sicht mit. In Kahius postapokalyptischer Gesellschaft, die dem CO2-Ausstoß der Industrieländer geschuldet ist, lassen schwarze Wissenschaftler ihre Toiletten von Weißen putzen.

Bis 27.7.: NBK, Chausseestr. 128/129, Mitte, Di–So 12–18, Do 12–20 Uhr. Savvy Contemporary, Richardstr. 20, Neukölln, Do–So 16–20 Uhr.
Veranstaltungen: www.givingcontours.net

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