Neapel : Der geschlossene Palast

Süditaliens wichtigstem Museum für Gegenwartskunst, das Museo D’Arte contemporanea Donna Regina, droht das Ende. Eine Protestnote aus Neapel.

Maria Carmen Morese
Knöcheltief. Das Museum für Gegenwartskunst setzte sich auf seine Art mit der Müllkrise Neapels auseinander. 2008 versank die Stadt im Unrat.
Knöcheltief. Das Museum für Gegenwartskunst setzte sich auf seine Art mit der Müllkrise Neapels auseinander. 2008 versank die...Foto: laif

Neapel an einem Nachmittag im Oktober. Unter klarem Sonnenhimmel biegen wir von der geschäftigen Via Duomo in eine dämmrige Gasse unweit des berüchtigten Viertels La Sanità. Links und rechts ragen die brüchigen Mauern der Palazzi empor. Nur ein Palast sticht hervor, er ist restauriert und strahlt Grazie und Glanz des alten Italien aus. Hier ist das Museo D’Arte contemporanea Donna Regina, kurz: Madre, untergebracht, die wichtigste Einrichtung für Gegenwartskunst in Süditalien. Die Kunst befasst sich mit dem Leben, sagte Museumsleiter Edoardo Cicelyn bei der Eröffnung 2005. Deshalb liegt das Museum im historischen Zentrum, wenige Meter vom Dom entfernt, in dem das Blut des Heiligen Gennaro aufbewahrt wird, und unweit der Piazza Cavour, wo Camorristi sich nachts schon blutige Schießereien geliefert haben.

Ein schmächtiger Museumswächter schlüpft durch den Torspalt. Chiuso, es ist geschlossen, kommen Sie morgen wieder, sagt er mit einem verlegenen Lächeln. Das schöne neue Museum stirbt einen langsamen Tod. Die Mitte-rechtsRegierung der Regione Campania, die im April dieses Jahres die Linke abgelöst hat, verweigert die vereinbarten Zuschüsse und schiebt die Schuld auf den abgewählten linken Ministerpräsidenten Antonio Bassolino, einen der größten Förderer des Museums. Sie wirft Bassolino vor, einen maroden Haushalt hinterlassen zu haben. Die Finanzlage der hoch verschuldeten Region sei dramatisch. Sogar die Gelder für Krankenhäuser und Schulen fehlten.

Kultur, nein danke? Museumsleiter Edoardo Cicelyn sieht darin ein präzises politisches Kalkül von nationalem Ausmaß. In der Tat sorgen seit dem letzten Sommer die angekündigten Kürzungen im Kulturbudget für Aufruhr unter Italiens Kulturschaffenden. Dem Motto „Kultur ist kein Broterwerb“ folgend, hat Wirtschaftsminister Giulio Tremonti die Subventionen von 232 Kultureinrichtungen gestrichen. Betroffen sind auch Institutionen wie die Arena di Verona und die Kunsttriennale in Mailand.

Laut Madre-Direktor Cicelyn wird die verheerende Kulturpolitik von Silvio Berlusconis Regierung nun rücksichtslos auf lokaler Ebene fortgesetzt, indem man plötzlich den Hahn abdreht und die Liquidität etwa seines Museums bedroht. Gleichzeitig verkündet Kampaniens Ministerpräsident Stefano Caldoro, ein glühender Anhänger Berlusconis, den Museumsleiter durch den umstrittenen Kunstkritiker Vittorio Sgarbi ersetzen zu wollen. Andere Mitglieder der Landesregierung werfen Cicelyn Misswirtschaft vor. Man fände einen neapolitanischen Buchhalter an der Stelle des derzeitigen Museumsleiters „tausendmal besser“.

Die internationale Kunstszene reagiert empört. Mehr als 600 internationale Künstler und Intellektuelle haben eine Petition unterschrieben. Für Damien Hirst, Richard Serra, Salman Rushdie, Andrea Camilleri, Roberto Benigni oder Scarlett Johansson ist es „völlig unverständlich, dass diese herausragende Einrichtung von der lokalen Regierung im Stich gelassen und zugrunde gerichtet wird“.

Die Streichung von Zuschüssen als Methode, um unbeliebte Personen zum Schweigen zu bringen, ist in Italien keine Neuigkeit. Man kennt sie auch aus dem Staatsfernsehen. Seit geraumer Zeit wird dort zum Beispiel versucht, den regierungskritischen Journalisten Michele Santoro mundtot zu machen; zwei Wochen lang stand seine berühmte Talkshow „Anno Zero“ auf der Kippe und darf nun erst nach massivem Druck vonseiten des Publikums wieder auf Sendung gehen.

Wenn man heute durch die strahlend weißen Museumssäle des Madre geht, muten sie trotz der grandiosen Sammlung mit Werken von Anish Kapoor, Andy Warhol und Michelangelo Pistoletto verlassen an. Die jungen Museumswächter, studierte Kunstwissenschaftler, die den Besuchern die Exponate näherbrachten, sind weg. Entlassen. Keine Werkschauen mehr, wie die von Georg Baselitz oder Thomas Struth, auch das Personal der Museumsbuchhandlung wurde nach Hause geschickt. Die großen Fenster geben den Blick auf die Häuserfassaden gegenüber frei. Wilde Sträucher wuchern im Mauerwerk, rosafarbene Wäsche trocknet auf der Leine.

Von der Dachterrasse des Museums genießt man das prächtige Panorama der vielen Kirchenkuppeln mit der veilchenfarbenen Silhouette des Vesuvs im Hintergrund. Durch den Innenhof wiederum gelangt man in die Kirche der Donna Regina, die Wandmalereien der GiottoSchule aus dem 14. Jahrhundert beherbergt. Dem portugiesischen Stararchitekten Alvaro Siza ist es vorzüglich gelungen, das morbide Neapel und die internationale Gegenwartskunst beim Umbau miteinander zu verschmelzen. Die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, Monika Grütters, würdigte das Madre denn auch „als Musterbeispiel soziokultureller Aktivitäten“.

An diesem Punkt entzünden sich einige neapolitanische Gemüter jedoch. Die Museumsanwohner können und wollen sich mit der Einrichtung nicht identifizieren und erzählen voller Animosität, dass das Kunsthaus horrende Steuersummen verschlungen habe, während ihre Häuser verrotten. Auch beanstanden sie Discoabende im Museum, die mit Kunst nichts zu tun hätten. Das sei bloß ein Trick gewesen, um die Besucherzahlen zu steigern.

Das Madre soll Opfer der Mitterechts-Regierung werden. Anderswo in Italien gibt es Politiker der Linken, die genauso agieren. Ob rechts oder links: Es darf nicht sein, dass aufgrund von politischer Willkür die Grundsicherung kultureller Einrichtungen nicht mehr gewährleistet ist und verbindliche Vereinbarungen aufgekündigt werden.

Aber womöglich gibt es noch Hoffnung: Kulturminister Sandro Bondi, bislang als Berlusconi-Getreuer bekannt und zuletzt als scharfer Kritiker der Filmfestspiele Venedig ins Gerede gekommen, protestierte gegen die gravierenden Einschnitte in seinem Ressort. Dem Wirtschaftsminister hält Bondi entgegen, dass in Deutschland und Frankreich Millionen Euro in Kultur investiert werden. Deshalb sagte er vergangene Woche seine Teilnahme beim Ministertreffen zur Haushaltslage ab und eröffnete stattdessen an der Seite von Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Lucas-Cranach-Ausstellung in der Villa Borghese. Italienische Kommentatoren sehen darin ein Zeichen von Regierungsschwäche. Unter dem Druck vieler Politiker aus dem eigenen Lager bröckelt die Mehrheit.

Ob dies das Museum Madre in Neapel retten wird? Vor dessen Pforte winkt der Wärter uns noch einmal zurück. „Morgen“, sagt er, „rufen Sie zuerst an, bevor Sie sich auf den Weg machen. Wer weiß, ob wir geöffnet haben.“

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