Kultur : Neapel sehen

CARLA RHODE

Antonio Capuanos 1996 gedrehter Film durfte zwar auf dem Festival von Venedig gezeigt werden, der Start im Kino wurde ihm aber bisher verwehrt.Die katholische Kirche erhob wegen der delikaten sexuellen Thematik Einspruch.Der Priester Lorenzo Borelli (Fabrizio Bentivoglio) unterhält eine Liebesbeziehung zu seinem vierzehnjährigen Konfirmanden Nunzio (Emanuele Gargiulo).Daß der Priester deshalb keinerlei Skrupel hat, sondern sein Sexleben mit dem hübschen, willigen Jungen offensichtlich genießt, also mehrere Tabus zugleich verletzt, machte angesichts des weltweiten Entsetzens über zunehmenden Kindesmißbrauch das Maß voll.Das Zusammenleben von Priester und Schüler ist nicht das einzige Thema des Films.Capuano läßt den unerschrockenen Mann auch gegen die Camorra antreten, doch die Mafia schlägt zurück.Nach Gründen für eine Denunziation braucht sie ja nicht lange zu suchen.Daß der Film bis dahin einigermaßen interessiert, verdankt er einem dritten Thema: Der Kritik an den Lebensbedingungen in der Altstadt von Neapel.Die Sanità ist geprägt von extremer Armut; der Film blickt auf eine Welt, in der Menschen dahinvegetieren statt zu leben.Drogenmißbrauch, Prostitution und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, und wenn bei einer Schießerei zwischen Angehörigen der Mafia auch unbeteiligte Bürger getötet werden, nimmt niemand davon Notiz.Wer sich in Neapel auskennt, weiß, daß solche Szenen authentisch sind.Warum aber dann formalistische Spielereien? Die realistischen Bilder werden von den direkt in die Kamera gesprochenen Aussagen aller beteiligten Personen unterbrochen.Das irritiert.Geradezu ärgerlich der Schluß: Nunzios Aussage gegen den Priester, zu der er nach standhafter Weigerung schließlich bereit ist, wird in Parallelmontage zu einer von Lorenzo veranstalteten Kreuzwegprozession gezeigt.Soviel Pathos stößt ab.Capuano ist schließlich kein Pasolini.

Xenon (OmU)

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