Kultur : Nebel der Verdammten

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Vor zwanzig Jahren standen Tangerine Dream zwischen elektronischen Gerätetürmen und sorgten im Tiergarten, im Warschauer Eisstadion oder im Bois de Bologne für Partystimmung. Heute, im Chip-Zeitalter, bedienen die Musiker portable Keyboards und schauen auf kleine Monitore. Edgar Froese, das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Band, dessen Sohn Jerome sowie eine Perkussionistin, die mit exaltierten Armbewegungen Schlag- und Schüttelwerk bearbeitet, haben sich dennoch Großes vorgenommen: die Vertonung von Dantes „Göttlicher Komödie“. Auf der Museumsinsel präsentiert das Trio den ersten Teil des epischen Gedichts: „Inferno“. Für Tangerine Dream ist es nach fünf Jahren das erste Konzert in ihrer Heimatstadt. Vor der prächtig angestrahlten Fassade der Alten Nationalgalerie werden sie von Solisten der Deutschen Oper begleitet. Doch weder der Band noch den auf den Freitreppen hübsch postierten Sängerinnen gelingt es, dem dantesken Reich der Verdammten höllisches Leben einzuhauchen. Ein aus zwei Akkorden geknüpfter Klangteppich zieht sich monoton dahin, die Chöre sind einschläfernd, der Gesang so seicht und einfallslos wie ein drittklassiges Musical. Nicht einmal die Spezialeffekte – farbige Lichtspiele, wabernder Kunstnebel und allerlei Pyrotechnik – vermögen es, die Dämonen der Dramaturgie zu beschwören. Zu den Höllenqualen, das wusste schon Vergil, zählt immerhin auch die Langeweile. Roman Rhode

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