Neben der Spur : Alain Platel verbeugt sich vor der Choreografin Pina Bausch

Alain Platel ist immer schon ein großer Bewunderer der deutschen Choreografin gewesen, ein Bausch-Epigone ist er dennoch nicht.

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Verrückt, verzückt. Kaori Ito in „Out of Context – For Pina“. Foto: Chris van der Burght
Verrückt, verzückt. Kaori Ito in „Out of Context – For Pina“. Foto: Chris van der Burght

„Wer will mit mir tanzen?“ Der einsame junge Mann, der zuvor vergeblich versucht hat, sich mit einem Mikrofonständer zu vereinigen, steht an der Rampe und richtet die Frage ans Publikum. Nach einer Schrecksekunde sehnt man sich wehmütig nach Pina Bausch zurück. Der im vergangenen Jahr verstorbenen Ikone des deutschen Tanztheaters hat Alain Platel sein Stück gewidmet. „Out of Context – for Pina“ wurde in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „tanz“ zur Produktion des Jahres 2010 gekürt. Nun ist das gefeierte Stück der belgischen Compagnie Les Ballets C de la B in Berlin zu sehen.

Alain Platel ist immer schon ein großer Bewunderer der deutschen Choreografin gewesen, ein Bausch-Epigone ist er dennoch nicht. Der Flame, der ein Tanztheater des Mitleids propagiert, gilt selbst als ein Theaterheiliger. Die Widmung ist also nicht als artige Verbeugung zu verstehen. Neun Tänzer betreten in Alltagsklamotten die leere schwarze Bühne, sie streifen ihre Kleider ab bis auf die Unterwäsche, hüllen sich in rote Decken – und kehren ihr Innerstes nach außen. Die Verwandlung auf offener Bühne, die Offenbarungswut – das alles erinnert an Pina Bausch.

Auch Platel versucht in seinen Stücken, innere Bewegungen sichtbar zu machen. Doch er radikalisiert das Bausch- Erbe, indem er eine unüberwindbare Sprachlosigkeit und Selbstentfremdung diagnostiziert und nicht beim Biografisch-Anekdotischen stehenbleibt. Tanz ist für ihn die physische Übersetzung extremer Gefühle. In „Out of Context“ werden denn auch Ausnahmezustände ausgestellt. Heulen und Zähneklappern. Irres Gelächter und stumme Schreie. Heftige Zuckungen und Konvulsionen. Bisweilen fühlt man sich wie in der Heil- und Heulanstalt.

Mit Hysterie, Ekstase und Traumata hat Platel schon in „vspr“ und „Pitié“ experimentiert. Auch diesmal konzentriert er sich auf das neurologisch Auffällige. Man sieht verdrehte Augen, verrutsche Münder, verkrampfte Finger, abgespreizte Zehen – bis zum Überdruss. Wie gefangen in ihren gemarterten Leibern wirken die Tänzer. Manches erinnert doch sehr an Figuren aus dem Lehrbuch für Psychiatrie. Platel scheint überzeugt, dass sich die menschliche Natur gerade in den Extremen offenbart: keine Verrückten führt er vor Augen, er zielt auf die Krankheit unserer Zeit.

Lauter Verzückte, Verzweifelte und Vereinsamte, die sich nach Kontakt sehnen und nicht raus können aus ihrer Haut. Die Tänzer sind völlig neben der Spur. Allesamt nicht bei Trost. Klammern sich an ihre Schmusedecke oder verknoten sich mit einem Anderen zu eine schmerzhaften Symbiose.

Nach all den Entgrenzungen und Abstürzen ist man fast schon dankbar, wenn die Choreografie kurz ins Parodistische wechselt. Auch das erinnert man von Pina Bausch. Zu Zitaten bekannter Songs üben die Tänzer sich in lächerlichen Balztänzen. Vom Schwachsinn bis zum Irrsinn ist es nur ein kleiner Schritt.

„Out of Context“ ist ein Abend, der berührt und gleichwohl die Nerven strapaziert. Dank der aberwitzigen Könnerschaft der Tänzer vermag Platels Stück aber dennoch zu fesseln. Sandra Luzina

Wieder am heutigen Sonntag, 19.30 Uhr, HAU 1

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