Neben, mit und nach Ai Weiwei : Der Klang von Peking

23 Künstler aus der chinesischen Hauptstadt zeigen in der Ausstellung „Die 8 der Wege“ in den Weddinger Uferhallen, was alles geht im Reich der Mitte.

Jens Hinrichsen
Gefallener Engel? He Xiangyus Plastik „The Death of Marat“ zeigt einen täuschend echten Ai Weiwei am Boden.
Gefallener Engel? He Xiangyus Plastik „The Death of Marat“ zeigt einen täuschend echten Ai Weiwei am Boden.Foto: ProWinko Collection NL, Courtesy A. Ochs Galleries Berlin Beijing

Ai Weiwei liegt am Boden. Die täuschend echte Silikonpuppe schuf He Xiangyu im Juni 2011, kurz nach der Freilassung Ais aus dem Gefängnis. Der Dissident, aufs Gesicht gefallen, wehrlos. Ein Opfer der Staatsgewalt und doch nicht ganz der perfekte Märtyrer, wie ihn der Westen gerne hätte. Denn die Figur trägt den Anzug chinesischer Funktionäre. Der Werktitel irritiert ebenso: „Der Tod des Marat“, eine Anspielung auf Jacques-Louis Davids Gemälde. Es zeigt einen Revolutionär. Und eine Kultfigur. David meinte das 1793 ernst. Doch wie viel Ironie ist bei He Xiangyu im Spiel?

In Peking gehen die Uhren anders. Und Ai Weiwei, dessen große Einzelschau im Martin-Gropius-Bau bereits 72 000 Besucher angelockt hat, ist einer unter vielen. Er ist Jahrgang 1957, die hier präsentierten Künstler sind zwischen 1972 und 1986 geboren: 23 Namen aus Peking, von einem deutsch-chinesischen Kuratorenteam ausgewählt. Ein Überblick wäre illusionär, sagt das Trio, das einen Eindruck der sich immerfort wandelnden Kunstszene der Hauptstadt vermitteln will.

Den Vergleich mit Ai Weiwei brauchen die Künstler nicht zu scheuen

„Die 8 der Wege“, was bedeutet der Ausstellungstitel? „Acht oder neun sind auf den ersten Blick nicht unterscheidbar“, hat Marcel Duchamp einmal gesagt. Die Ziffer verweist nicht nur auf die chinesische Glückszahl, sondern auf den Mut zur Lücke, auf die geschickte Auswahl, die kulturelle Vielfalt immerhin anzudeuten vermag. „Wir können“, sagt die Kuratorin, Kritikerin und Kunstmanagerin Guo Xiaoyan, die in Peking und Schanghai lebt, „sehr wohl zeigen, welche Fragestellungen chinesische Künstler heute umtreiben.“ Und in der Tat sind die Arbeiten sehenswert, geistreich, kritisch, unterhaltsam. Sie brauchen den Vergleich mit den kostspieligeren Produktionen von Ai Weiwei nicht zu scheuen: Wer die derzeitige Galionsfigur der chinesischen Kunst kennt, kennt noch lange nicht die Vielfalt und Qualität des gesamten Spektrums.

Während der Pressekonferenz gibt es gleichwohl einen ungemütlichen Moment. Die Kuratoren (neben Guo Thomas Eller und Andreas Schmid, beide auch Künstler) werden gefragt, ob die von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen Austausch veranstaltete und der Botschaft der Volksrepublik China als Partnerinstitution begleitete Ausstellung nicht das Ergebnis von Kompromissen sei. Von China sei man ja einiges gewohnt.

Keine Arbeit der in einem vierwöchigen Auswahlprozess in Peking gefundenen Künstler habe zur Disposition gestanden, lautet die Antwort, kein Werk sei zurückgezogen worden. „Diskussionen gab es durchaus“, gibt Schmid zu. So seien Teile eines fingierten „North Korea International Microfilm Festival“ – eine Arbeit der Utopia Group (Deng Dafei und He Hai) – nicht auf Gegenliebe gestoßen. Die Spitzen gegen Nordkorea als Verbündetem Chinas sind aber ebenso in der Ausstellung geblieben wie Despektierliches aus der Werkstatt von Zhu Yu: Der Künstler zeigt „192 künstlerische Anträge an Mitgliedsstaaten der Vereinigten Nationen“. Unter den Text- und Bildcollagen findet sich auch ein Vorschlag für Deutschland, traditionelle chinesische Keramiken mit dem Kopf Adolf Hitlers zu versehen. An die Republik Elfenbeinküste geht der Antrag, in einer Schweizer Schokoladenfabrik „kleine Schokoladenboys“ nach den Bildern afrikanischer Arbeiter herstellen zu lassen – die Figuren werden dann von Europäerinnen vernascht.

Zu sehen sind auch Werke von Zhao Zhao. Er arbeitete früher als Assistent Ai Weiweis und steht unter besonderer Beobachtung der Behörden. 2012 wurde eine Betonskulptur von ihm – ein in Stücke geschlagener Polizist – kurz vor dem Schiffstransport nach New York konfisziert.

Die Umweltprobleme der Metropole Peking kommen nicht vor

Die Ausstellung ist eine Reise ins Ungewisse. „Wir liefern keinen Stadtplan“, sagt Thomas Eller. Aber eine Wegweisung gibt es schon. Colin Chinnerys Soundarbeit mit Klängen aus historischen Gassen von Peking lockt am Eingang, wie die ersten Werke des Parcours überhaupt auf traditionelles Handwerk oder auf modernen Nippes anspielen. Es finden sich immer wieder „Gelenkstellen“ (Eller) und assoziativ verbundene Exponatgruppen in der Ausstellung. Obwohl die städtischen Lebensbedingungen selbst wiederholt in den Blick geraten: Die Umweltprobleme der unter Smog leidenden Stadt, die zurzeit die Schlagzeilen beherrschen, kommen nicht vor. Ein Fall von Selbstzensur?

Wohl nicht zufällig sind die Werke der drei einzigen Frauen unter den teilnehmenden Künstlern in unmittelbarer Nähe zueinander platziert. Guan Xiao, Kan Xuan und Li Ran präsentieren starke Videoarbeiten. Es sei überhaupt erstaunlich, sagt Andreas Schmid, wie schnell in Peking dann doch die Möglichkeiten neuer Medien ausgelotet wurden. Vor 1990 experimentierte dort praktisch keiner mit Fotografie, Video oder Performance, der Rückstand ist längst aufgeholt. Thomas Eller zeigt sich fasziniert von der Bandbreite einzelner Akteure.

In der Tat zeigen die Werke von Liu Chuang oder Liu Wei eine Experimentierlust und eine schulterzuckende Gleichgültigkeit gegenüber stilistischer und methodischer Kohärenz, die man westlichen Kunsthochschulabsolventen kaum durchgehen lassen würde. Warum ist in China sogar der Kunstmarkt gelassener in Fragen des Branding? Eller berichtet von der lakonischen Antwort des (als Berater ins Boot geholten) Künstlers Qiu Zhijie: „Das Leben hat einen starken Einfluss.“ So einfach liegen mitunter die Dinge in Peking.

Bis 13. Juli, Uferhallen, Uferstraße 8, Mi–Sa 13–20 Uhr, So 11–18 Uhr. Katalog 24,90 Euro. www.die8derwege.info

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