Kultur : Nebensache Kitsch

KLASSIK

Helge Rehders

Eigentlich hat die charmante blonde Dame an diesem Abend keinen schönen Job. Sie muss den vielen fragenden Gesichtern in der unendlichen Schlange alle Hoffnung rauben. Kurz darauf aber tänzelt sie durch das berstend volle Foyer der Philharmonie : „Wir sind ausverkauft!“ – kaum kann sie sich des profanen Luftsprungs in den heiligen Hallen enthalten. Die eifrige Serge-Rachmaninoff-Foundation hat zur Hohen Messe ihres Namenspatrons gerufen, und es kamen, angeführt vom Botschafter des Landes, nicht nur die Spitzen der schillernden russischen Gesellschaft in Berlin. Warmer Applausregen begleitet so den Einzug der legendären St. Petersburger Philharmoniker .

In Deutschland steht der in Beverly Hills vor 60 Jahren gestorbene Rachmaninow unter höchstem Kitschverdacht. Dieses Bild zu korrigieren, zaubert Chefdirigent Yuri Temirkanov – Weltbürger mit russischer Seele wie der Komponist des Abends selbst – zunächst einmal elegant seine Brille aus der Fracktasche: Serge Rachmaninoff statt Sergej Rachmaninow – und zwar mit Scharfblick. Das berühmte zweite Klavierkonzert wird ewig hitparadentauglich klingen. Temirkanov kredenzt mit sparsamen Gesten und mit Nikolai Demidenko, dem ebenso allürenfreien Solisten, fettfreie symphonische Vollwertkost. Dass hinter der glänzenden Breitbandsound-Oberfläche der Symphonischen Tänze op. 45, Rachmaninoffs Opus Summum von 1940, eine spannungsreiche, tiefe Traurigkeit steckt, können vielleicht in dieser Eindrücklichkeit nur die wunderbaren St. Petersburger beweisen. Tosender Applaus am glücklichen Ende.

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