Kultur : Neeme Järvi mit den Göteborger Symphonikern zu Gast in Berlin

Volker Straebel

An der Musik scheint die Postmoderne vorbeigegangen zu sein wie an keiner anderen Kunstform. Die seit den siebziger Jahren allgegenwärtigen restaurativen Tendenzen mag man mit einem vulgären Postmoderne-Begriff aufzuwerten versuchen, der Beliebigkeit zum Gebot der Stunde erhebt - gerecht wird man damit allerdings weder der philosophischen Strömung noch den so etikettierten Werken.

Hin und wieder begegnen einem jedoch Kompositionen, die eine Vielzahl musikalischer Sprachen in sich vereinen und deren Umgang mit der Tradition über gefälligen Neoklassizismus hinausgeht. Die dritte Sinfonie von Arvo Pärt ist solch ein Werk der Postmoderne.

Mit eben jener Kompositionm eröffnete Neeme Järvi sein Gastspiel mit den Göteborger Symphonikern in der Philharmonie. Pärt hatte 1971 einfache Modelle niederländischer Vokalpolyphonie mit orchestraler Klangopulenz konfrontiert und in einer herben Collage montiert. Fast dreißig Jahre später erlag Järvi, dem Pärt sein Werk gewidmet hat, nicht der Versuchung des bloßen Schönklangs. Dabei war es sicher nicht leicht, dieser Versuchung bei seinen vorzüglich disponierten Göteborgern zu widerstehen. Neeme Järvi aber gelang es, und er arbeitete mit den schwedischen Musikern gerade die Ecken und Kannten der dritten Sinfonie heraus, dehnte Zäsuren und forcierte instrumentale Gegensätze. Intelligente Musik über Musik und packende Interpretation kamen hier zusammen.

Vor der mit Verve aber ohne Originalität gebotenen Sinfonie Pathétique Peter Tschaikowskys stellte die Pianistin Hélène Grimaud in Robert Schumanns Klavierkonzert die Musikgeschichte wieder auf die Füße. Järvis rasche Tempi und Grimauds schnörkellose, selbst in der Kadenz auf emotionale Temposchwankungen weitestgehend verzichtende Gestaltung mündeten in einer schlanken, aber warmen Lesart des romantischen Schlüsselwerkes, dessen im Mittelsatz verborgene Abgründe jedoch verborgen blieben. In ihrer Brahmszugabe bewies Grimaud mehr interpretatorische Eigenständigkeit und glänzte mit sensibel ausgehörter Klanggestaltung.

Ein umjubeltes Gastspiel der Göteborger Symphoniker, die die Berliner erst nach zwei Zugaben ziehen ließen.

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