Kultur : Nehmen Sie doch Platz

Das Vitra Design Museum zeigt 260 Stühle aus 200 Jahren

Frank Peter Jäger

Der Stuhl ist so etwas wie die kleinste Einheit des Wohnens, und weil er in der westlichen Wohnkultur so omnipräsent ist, und weil so zahlreiche gestalterische Wege zum Sitzmöbel führen, lässt sich an ihm ideal die Designgeschichte nachzeichnen. Man stellt vier Stühle aus vier Jahrzehnten nebeneinander, und schon sieht man die Evolution. Im Vitra-Design-Museum sind es ein paar mehr – anhand von 260 Sitzmöbeln erzählt die Ausstellung „Take a seat“ die Geschichte der industrialisierten Möbelproduktion. Die umfangreiche Stuhlsammlung des Mutterhauses in Weil am Rhein ist in dieser Vollständigkeit erstmals in Berlin zu sehen.

Stuhlgeschichte ist auch Technikgeschichte. Eine erste Revolutionierung der gestalterischen Möglichkeiten brachte die vom Wiener Fabrikanten Michael Thonet entwickelte Bugholztechnik: Durch das Erhitzen in heißem Wasserdampf konnte man Rundhölzer in fast beliebige Formen biegen, damit war der Kaffeehausstuhl geboren. Daneben stehen der Tearoom-Stuhl von Charles Rennie Mackintosh, Schinkels 80 Jahre früher entstandener gusseiserner Gartensessel und ein Sitz von Adolf Loos. Während diese Modelle noch halb handwerklich in überschaubaren Zahlen produziert wurden, waren von Thonets Bugholzstuhl „Nr. 14“ schon 1930 über 50 Millionen Exemplare verkauft. In den Zwanzigerjahren setzte sich der Stahl im Design durch, natürlich fehlen weder Marcel Breuers Sessel „Wassily“ noch die von Mies van der Rohe für das Haus Tugendhat entworfenen Modelle.

An Flexibilität war die lederbespannten Stahlgestelle nur noch vom Kunststoff zu überflügeln, der sich völlig frei verformen ließ. Zum Mekka des Möbeldesigns entwickelte sich um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts Skandinavien.Der dänische Architekt Arne Jacobsen ist bis heute geschätzt für die heitere Sachlichkeit seiner Stühle, die psychedelisch bunte Farben- und Formenwelt eine Legende. Aber die Ausstellung erinnert auch an den wenig bekannten Hans J. Wegener, der noch vor Jacobsen damit begann, das dänische Möbeldesign zu revolutionieren. Sein um 1950 entstandener Schalensessel lässt die schwingende Leichtigkeit des kommenden Jahrzehnts schon ahnen. Als alle Innovationspotentiale des Materials ausgereizt waren, war es um die gute Form geschehen. Ab Ende der Siebzigerjahre verloren sich die Designer in Albernheiten ohne Alltagstauglichkeit, die folglich fast durchweg Prototypen blieben: Ein Sofa in der Form eines überdimensionalen Kussmundes, ein bröckeliger Pappsessel von Frank O. Gehry oder der spitzige Stehhocker, den Philippe Starck 1982 für Wim Wenders entwarf. Platz nehmen mag man auf keiner dieser Kreationen. Dem Besucher bleibt dieser entscheidende Test an den Originalen verwehrt, dafür entschädigt das Museumscafé, wo bis zum Ende der Ausstellung kein Stuhl dem anderen gleicht.

„Take a seat“, Vitra-Design-Museum, Kopenhagener Straße 58 (Prenzlauer Berg), bis 22. Juni. Di–So 11-20 Uhr, Fr bis 22 Uhr.

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