Kultur : Neid & Day

Saisonstart in Hamburg: „Die Jungfrau von Orléans“ am Thalia Theater, „Othello“ im Schauspielhaus

Katrin Ullmann

Dunkel und still liegt das Parkett, da steht er plötzlich auf, ist freundlich und im Anzug, spricht von Beförderung und Hass – und betritt die Bühne. Während Jago (Wolfram Koch) noch an seiner Krawatte bastelt, erscheint in seinem Rücken bereits sein ärgster Feind: Othello. Unscharf wildert sein Konterfei in Großaufnahme über eine Leinwand. Stefan Pucher inszeniert im Deutschen Schauspielhaus den Mohren von Venedig als abgeschmackten Popstar. So steht, nein posiert, Alexander Scheer – tiefstschwarz geschminkt – sehr lässig am Bühnenrand und stülpt die grellrot geschminkten Lippen für jedes einzelne selbstverliebte Wort. Genussvoll setzt er Künstler-Pausen, genussvoll erzählt er von Desdemona (Jana Schulz als kühle Business-Barbie). Ein ungleiches und doch perfektes Paar: Zu zweit sind und singen sie nochmal so schön.

Der Vorderbühnenvorhang öffnet den Blick auf ein weich geformtes, helles All-in-one-Gehäuse (Bühne: Barbara Ehnes). Mal ist es Haus, mal Partylounge, mal kalte Felslandschaft. Meistens sind auf das Gebilde abwechselnd atmosphärische und dokumentarische Videos (Chris Kondekt/ Frank Bussacker) projiziert. Und meistens dreht es sich.

Absichtlich kühl baut Pucher das Shakespearsche Trauerspiel zusammen und verbannt alle emotionsbeherrschten Szenen auf die ferne Leinwand. Dort küsst sich Jana Schulz die Nasenspitze othelloschwarz, und dort flippt sie wenig später aus. Pucher inszeniert die Figuren bis hin ins Künstliche, jedwede Sympathie scheint verboten. Dass Othello schließlich Desdemona ermordet, geschieht wie nebenbei. Wichtiger ist, dass er im Glitzeranzug zu James-Brown-Musik noch äußerst lässig tanzen kann.

Sehr gekonnt skelettiert der Regisseur das wilde Drama, sein Kollege Kriegenburg hingegen umstellt am Thalia-Theater „Die Jungfrau von Orleáns“ mit viel zu vielen Extras. Natali Seelig ist in einem Fadenkreuz gefangen. Aus der unbequemen Bühnenmitte erzählt sie – fern der eigentlichen „Jungfrau“ – vom Gefangensein, vom Liebsten und vom Traum. Sie wird den ganzen Abend über in blutverschmiertem Weiß auftreten und verzweifelt sein. Dafür hat Andreas Kriegenburg ihr sieben Monologe geschrieben, in denen die Schauspielerin so pubertär wie lauthals theatral banale Schneelandschaften beschreibt, sich im engen Kreise dreht und unter schlimmer Isolation zu leiden scheint. Und irgendwie ist alles „nur geträumt“.

Doch statt Nena heben drei Cellisten ernste Töne an, wird die Bühne umgebaut, und die Schillersche Johanna (in wechselnder Besetzung) nimmt die blutige Mission entgegen. Von jetzt an ist sie ferngesteuert, das erzählen auch die meterlangen Fäden, an denen Johanna Pfau (Ausstattung) sie befestigt hat. Stets konterkariert Kriegenburg die heilige Johanna mit jener Extra-Figur, so dass die romantische Tragödie mehr und mehr zerstückelt und Seeligs Auftritte so sinnlos wie pathetisch werden. Langeweile macht sich breit.

Nur einmal ist echte Spannung da: Als die heilige Johanna (dann von Natali Seelig gespielt), auf Lionel (Heiko Raulin) und mit ihm auf die irdische Liebe trifft. Da provoziert Raulin – berechnend kalt – die Heldin und ein wilder Kampf entsteht; bis der Glaube aussetzt und das Schwert hinuntersinkt.

Einen zarten Augenblick lang spürt man Rührung und Gefühl, doch leider wird dies schnellstens von den fürchterlichen Monologen zugeklebt. Ganz am Ende irrt ein „Wo bin ich?“ unfreiwillig komisch durch den Raum, und spätestens jetzt wird Kriegenburgs kindischer Pathos zu schlimmer Pubertätspoesie.

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