Kultur : Neil Postman: Glotzen, klotzen, kotzen

Kai Müller

Es gebe zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werde, diagnostizierte Neil Postman Mitte der achtziger Jahre: Die Kultur wird zum Gefängnis oder zum Varieté. Die erste Möglichkeit hatte Orwell dargelegt, dessen utopischer Roman "1984" die Erfahrungen aus totalitären, monströse Apparaturen der Gedankenkontrolle instalierenden Systemen aufgriff. Für die zweite Form der geistigen Verwahrlosung hatte Aldous Huxley das passende Vorbild geliefert. Dessen "Schöne neue Welt" prognostizierte ein technisches Zeitalter, in dem die Menschen ihre Unterdrückung zu lieben beginnen, weil sie ihnen Wohlstand, Glück und grenzenlose Zerstreuung bietet.

In seinem 1988 auf deutsch erschienenen Bestseller "Wir amüsieren uns zu Tode" machte Postman keinen Hehl daraus, dass er Huxleys Vision für die wahrscheinlichere hielt. In düsteren Farben schilderte der gelehrte Medienprofessor die Erosion traditioneller Bildungsinhalte und beklagte, dass die Fernseh-Epoche aus Bürgern Zuschauer einer Sache machte, von der sie abhängig sind. Diesen Gedanken hatte Postman von seinem Lehrer Marshall McLuhan übernommen, der bereits 20 Jahre zuvor die Idee von medientechnologisch erweiterten Lebensräumen entwickelt hatte. Die Erkenntnis, dass der Mensch "verliebt in seine Apparate" sei, war allerdings weitgehend ungehört geblieben. Erst als Postman der These eine kulturpessimistische Wendung gab und die Furcht des Bildungsbürgertums vor einer schrankenlos waltenden Unterhaltungsindustrie weckte, begann man sich ernsthaft mit den psychosozialen Konsequenzen der medialen Kulturrevolutionauseinanderzusetzen. Postman war ein Pionier auf diesem Gebiet, der im Gegensatz zu dem Soziologen und Kulturkritiker Richard Sennet die Hoffnung nie aufgab, dass aufgeklärte Bürgergesellschaften dem gedankenlosen technologischen Umbau Einhalt gebieten könnten.

Wie schwach sein Angriff auf eine spaßwütige Trivialkultur wirken musste, war dem seit 1959 an der New York University lehrenden Kommunikationswissenschaftler allerdings nicht verborgen geblieben. Er empfahl, ein Medienbewusstsein zu fördern, um die Symbole und verschleierten Mythen der TV-Kultur entziffern zu können, und überantwortete diesen Erziehungsauftrag den Schulen. Damit gab er sich als der Pädagoge zu erkennen, der er ursprünglich auch gewesen war. Der 1931 in New York geborene Postman war 1969 unter dem Eindruck der Studentenunruhen mit einer Schrift hervorgetreten, in der er das Erziehungsideal einer "subversiven Lehre" verkündete. Damals galt sein Anliegen dem autonomen Individuum, das sich gegen die Übergriffe der Staatsautorität zur Wehr setzen muss. Zehn Jahre später revidierte er sein Erziehungskonzept grundlegend und verstand unter Lehre plötzlich "a conserving activity" - eine Bewahrung traditioneller Bildungswerte. Im Schatten einer hybriden, alle Lebensbereiche infiltrierenden Informationskultur seien Schutzräume nötig, proklamierte Postman, in denen Kindheit ausgelebt werden könne.

Obwohl Postmans im "Verschwinden der Kindheit" (1983) formulierte These, dass mit dem Bedeutungsverlust der Schriftkultur auch die Lernfähigkeit des Menschen schwindet, nicht besonders originell war, löste sie doch eine breite Debatte über den Kulturverfall westlicher Konsumgesellschaften aus. Seine zahlreichen Bücher - unter anderem "Das Technopol" (1992) und "Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung" (1995) - haben Postman in die Reihe jener Kulturkritiker wie Hans Jonas und Günther Anders gestellt, die erschrocken von den nivellierenden Kräften des Fortschritts nach Wegen suchten, den schleichenden Untergang abzuwenden. Gerade in Deutschland stieß diese apokalyptische Variante der Medientheorie auf große Beliebtheit. Postmans Beharren auf der rationalen Entschlüsselung sozialer Beziehungen, die im Bildersturm der visuellen Medien verschüttet zu werden drohen, korrespondiert mit dem Wunsch, eine zentrale Autorität nicht verloren zu geben. So sind seine Klagen über eine Verflachung geistiger Auseinandersetzungen von dem Impuls getrieben, einen sinnstiftenden Lebenszusammenhang herzustellen, die Götter der Schrift vor den Dämonen des Bildes zu schützen.

Postman, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert, hielt hierzulande ein paar seiner bedeutendsten Reden. So zog er auf der Frankfurter Buchmesse im Orwell-Jahr 1984 den Vergleich mit Huxleys negativer Utopie, den er kurz darauf zu dem Standardwerk "Wir amüsieren uns zu Tode" ausarbeitete. An dessen Ende heißt es: "Die Menschen in Schöne neue Welt leiden nicht daran, dass sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, dass sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken."

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