Kultur : Neil Postman im Gespräch: Sind Computer demokratisch, Mr. Postman?

Mr. Postman[Sie galten lange als schärfster]

Neil Postman (70) ist Professor für Medienökologie an der New York University. Er gilt als "Kassandra der Informationsgesellschaft". Bekannt wurde Postman durch seine Polemiken über die Entmündung der Gesellschaft durch die neuen Medien. Zu seinen wichtigsten Titeln gehören "Das Verschwinden der Kindheit", "Wir amüsieren uns zu Tode" und "Das Technopol" (auf deutsch im Fischer Taschenbuch Verlag):

Mr. Postman, Sie galten lange als schärfster Kritiker unserer Fortschrittsgläubigkeit. Kürzlich feierten Sie, weitgehend unbemerkt von Amerikas Medien, ihren 70. Geburtstag. Hören Ihnen die Leute überhaupt noch zu?

In Amerika gibt es heute mehr Bewusstsein über die negativen Konsequenzen neuer Technologien als vor 25 Jahren, als ich "Wir amüsieren uns zu Tode" schrieb. Damals hätte jemand mit einem Seminar über die Verbesserung der Rückhand beim Tennis ein größeres Publikum angezogen als ich mit einem Vortrag über die Wirkung von Werbespots auf Kinder. Heute stellen die Leute gezielt Fragen über die negativen Auswirkungen des Fernsehens oder den Umgang mit Computern. Nicht nur Intellektuelle, sondern ganz normale Menschen machen sich Gedanken über die Vor- und Nachteile der neuen Medien.

Sie warnten vor unkritischem Medienkonsum. Ist die Realität inzwischen rosiger als ihre düsteren Prognosen?

Ein Bereich, der sich mit dem Siegeszug des Fernsehens mit Sicherheit verschlechtert hat, ist die Politik. Heutzutage bestehen politische Kampagnen nur noch aus 20-Sekunden-Soundbites und den Anweisungen smarter Medienberater, die den Kandidaten sagen, was sie anziehen und wie sie auftreten sollen. Das Fernsehen hat einen schädlichen Einfluss auf die politische Kultur in den USA. Andererseits hat es aber auch dazu beigetragen, dass wir Amerikaner uns der Existenz von Menschen in anderen Teilen der Welt bewusst geworden sind, eine Tatsache, die wir in unserer insularen Mentalität früher oft verdrängt haben.

Mit der digitalen Revolution hat sich die Debatte um Quantität und Qualität von Informationen auf den Computer verschoben.

Die positiven Konsequenzen der Computertechnologie sind offensichtlich. Doch es wird nicht genug Aufmerksamkeit darauf gerichtet, was Computer nicht können. Zum Beispiel glauben wir, dass wir mit Internetanschlüssen in den Klassenzimmern die Erziehung unserer Kinder verbessern. Die amerikanische Regierung gibt für diesen Plan Milliarden von Dollar aus, obwohl es bis heute nicht einen einzigen Beweis dafür gibt, dass Kinder mit Computern in der Schule besser lernen als ohne.

Lehnen Sie den Gebrauch von Computern in der Schule ab?

Nein. Aber es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel bessere Gehälter für Lehrer, Renovierung von baufälligen Schulgebäuden, neue Lehrbücher. Wenn man nach einer ausführlichen Debatte zu dem Ergebnis kommt, dass wir Milliarden in die Vernetzung von Schulen investieren sollten, dann bitte schön. Doch man sollte auch bedenken, dass 50 Millionen Amerikaner ohne schulische Hilfestellung wissen, wie man einen Computer bedient. Wir haben ja auch alle gelernt, wie man Auto fährt, obwohl das nie auf dem Lehrplan stand.

Benutzen Sie selbst einen Computer? Surfen Sie durchs Internet?

Ich schreibe alle meine Bücher immer noch mit Kugelschreiber und Notizblock. Aber wie die meisten Leute benutze ich die modernen Techniken, ich habe ein Auto, ein Fernsehgerät, Radio und Telefon. Ich benutze jedoch keinen Anrufbeantworter, und der Computer hier in meinem Büro wurde auf Drängen der Universitätsleitung installiert. Den bedient jetzt meine Assistentin Nancy. Sie liest mir auf Wunsch meine E-Mails vor und beantwortet die elektronische Post.

Hat ihre Technophobie moralische Gründe?

Ich sehe das eher von der praktischen Seite. Ich plädiere dafür, dass wir eine aktivere Rolle dabei spielen, wie neue Technologien angewendet werden. Eine gute Analogie ist der Gebrauch von Antibiotika. Niemand kann dagegen sein, dass solche Medikamente verabreicht werden, denn sie helfen kranken Menschen. Andererseits verschreiben amerikanische Ärzte sechs Mal so viel Antibiotika wie ihre Kollegen in Europa. Antibiotika schwächen das Immunsytem, der exzessive Gebrauch dieser Bio-Technologie ist also nicht gut. Auch das Fernsehen ist eine wunderbare Technologie, doch ein amerikanisches Kind sieht durchschnittlich 9000 Stunden TV, bevor es in die Schule kommt, und hat bei Schulabschluss bis zu 18 000 Stunden Fernsehen und rund 600 000 Werbespots konsumiert. Wenn jemand das als unguten Effekt beschreibt, dann hat das nichts mit Maschinenstürmerei zu tun.

Was halten Sie von der derzeitigen Debatte über die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, die von einigen als Rettung der Menschheit gefeiert wird?

Die Leute, die das sagen, brauchen ein bisschen Religion in ihrem Leben. Das Gute am Glauben ist, dass er uns vor Hybris schützt. Leonardo da Vinci hat Pläne für ein U-Boot entwickelt, aber er hat sie niemandem gezeigt, weil er glaubte, diese Idee sei ein Affront gegen Gott. Ich denke, dass die Genforschung weitergehen wird. Aber wie wird dieses neue Wissen eigentlich verwendet? Einer meiner Studenten hat seine Dissertation über die Berichterstattung zur Gendebatte geschrieben. Er katalogisierte alle Artikel der fünf größten US-Zeitungen zu diesem Thema und fand heraus, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz, unter fünf Prozent, sich mit den moralischen, religiösen und sozialen Implikationen auseinander setzt. Alle anderen Artikel handeln von technischen Problemen.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich bin religiös, aber nicht fromm. Ich glaube, dass wir Menschen nur sehr wenig über uns selbst und das Universum wissen. Deshalb sollten wir extrem demütig sein im Umgang mit den Dingen um uns herum. Menschen machen viele Fehler, besonders wenn sie denken, sie wüssten genau, was Gottes Wille ist. Ich glaube zwar nicht an einen alten Mann mit einem weißen Bart, doch wenn jemand mit unseren Genen experimentiert und uns nichts als Vorteile von dieser Forschung verspricht, finde ich das sehr verdächtig.

Ein anderer Bereich, der derzeit Schlagzeilen macht, ist die Robotertechnologie. Wissenschaftler wie Rodney Brooks oder Hans Moravic prophezeien eine "postbiologische Zukunft" mit superintelligenten Computern.

Ich verstehe das ganze Gerede über "künstliche Intelligenz" nicht. Selbst ein simpler Taschenrechner ist eine Form von künstlicher Intelligenz. Was mich interessiert, sind die Fragen, die diese Supercomputer zu fragen imstande sind. Ich wäre nicht besonders beeindruckt, wenn ich nur die Antworten bekäme, die aus heutiger Sicht interessant sind. Ich verstehe auch nicht, warum man danach streben sollte, sein Bewusstsein in eine Maschine zu laden oder in einen biologischen Klon. Wir sind auch so fähig, unsere Intelligenz zu erweitern. Die alten Griechen wussten, dass es den Verstand schärft, wenn man Rhetorik und Logik studiert.

In einem Vortrag für Informatiker nannten Sie den Computer ein "großartiges Spielzeug, das uns von den wirklichen Problemen ablenkt". Welche sind das?

Wenn Menschen auf dieser Welt verhungern, tun sie das nicht, weil wir zu wenig Informationen darüber haben. Wenn es zu viel Verbrechen auf den Straßen gibt, dann nicht, weil wir zu wenig darüber lesen. Wenn Ehemänner ihre Frauen und Kinder missbrauchen, dann geschieht dies nicht aus mangelndem Wissen.

In manchen Fällen dienen Computer durchaus der Aufklärung. Im Falle Chinas hat der Zugang zum Internet geholfen, unterdrückte Informationen an die Öffentlichkeit zu bringen. Die chinesische Regierung kann heute ihre undemokratische Politik nicht mehr verheimlichen, deshalb muss sie Zugeständnisse machen. Ist das nicht ein positiver Effekt?

Da stimme ich Ihnen zu. Auch im Falle Russlands haben die modernen Medien zur Öffnung beigetragen. Eine von Gorbatschows größten Einsichten war die, dass man im Computerzeitalter Informationen nicht mehr hinter dem Eisernen Vorhang zurückhalten kann. Deshalb gab Gorbatschow den Versuch auf, sein Volk vom Rest der Welt abzuriegeln.

In Ihrem jüngsten Buch, "Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert", fordern Sie dazu auf, aus der Vergangenheit zu lernen. Wie kann der Blick auf die Geschichte unsere Zukunft verbessern?

Manche Leute glauben, dass interaktive Computertechnologie unsere repräsentative Demokratie obsolet machen wird. Mit anderen Worten: Wir brauchen kein Parlament mehr, sondern wir stimmen am Computer über die Frage ab, ob wir Truppen nach Mazedonien schicken oder ob wir die Steuern senken sollten. Unsere Gründungsväter glaubten aus gutem Grund nicht an diese Form von direkter Politik. Bevor wir uns also darauf einlassen, sollten wir eine Debatte über das Wesen der Demokratie führen. Das können wir aus der Vergangenheit lernen, ohne dabei gleich ins 18. Jahrhundert zurückzufallen.

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