Kultur : Nein! Nein! Nein!

Er ist fett, hässlich – und eine Rocklegende: Meat Loaf über den Ruhm

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Mister Loaf, lassen Sie uns über Ihr Comeback reden.

Nein, nein, nein. Nicht doch! Das ist doch kein Comeback. Mein neues Album ist nichts als ein weiteres Puzzle meines Lebens, das ich seit 40 Jahren zusammensetze. Im Moment komme ich mir eher wie in „Star Trek“ vor: „Unsere Mission ist, neuen Boden zu betreten, Boden, den noch kein Mensch vor uns betreten hat.“

Mögen Sie die „Star Trek“-Mythologie, weil sie niemals endet?

Es geht immer weiter. Das finde ich gut. Die Zukunft ist wesentlich wichtiger als die Vergangenheit. Warum sollte ich jetzt so etwas wie ein Comeback haben? Das würde ja bedeuten, dass die Geschichte einmal zu Ende gegangen ist. Erst wenn sich meine Augen schließen und ich sie aus eigener Kraft nicht mehr öffnen kann, ist das der Fall. Sollte ich wiedergeboren werden, würde ich gerne als wohlumsorgter Hund zurückkehren.

Ihr erstes Album „Bat Out Of Hell“ stammt aus dem Jahr 1977, ist das erfolgreichste Debutalbum aller Zeiten und hat sich bis heute über 30 Millionen Mal verkauft. War der frühe Erfolg ein Fluch?

Wie viele Musiker träumen jede Nacht davon, nur ein einziges Mal an einem Projekt wie „Bat Out Of Hell“ beteiligt zu sein? Jeder strebt danach. Ich habe es sogar mehrmals geschafft. Auch „Bat Out Of Hell 2“ gehört zu den erfolgreichsten Alben aller Zeiten. Ich habe in der „Rocky Horror Picture Show“ und „Hair“ mitgespielt, zwei der bekanntesten Musicals. Oder nehmen Sie „Fightclub“. Der Film besitzt heute Kultstatus.

Der Star des Film war Brad Pitt. Sie spielten nur eine kleine Nebenrolle.

Trotzdem: Es ist ein wahrer Segen.

Wollen Sie sich selbst übertreffen?

Nein, so etwas probiert man erst gar nicht. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte, die mir vor zwei Wochen in den USA passiert ist. Ich fragte einen Mitarbeiter meiner Plattenfirma, wie die Radiostationen auf mein neues Album reagieren. Er antwortete, dass sie mit Widerständen zu kämpfen hätten, da es nicht ins Sende-Format passe. Ich antwortete ihm, das sei kein Widerstand, sondern Ignoranz. Wieso sollte ich ein Album herausbringen, das es in der Form schon gibt? Das klassische Radio stirbt aus, weil sich niemand mehr traut, etwas Neues zu versuchen. Stellen Sie sich vor, man hätte Robert De Niro nach „Taxi Driver“ oder Al Pacino nach „Scarface“ gefragt, ob sie dieselben Filme noch einmal drehen würden, da sie diese Klassiker sowieso nie wieder übertreffen könnten. Natürlich konnten sie, aber anders.

Sie kommen damit zurecht, eine lebende Legende des Rock’n’Rolls zu sein?

Nein! Nein! Nein! Wagen Sie es nicht, mich in diese Ecke zu drängen! Ich denke nicht in diesen Kategorien, und so lebe ich auch nicht. Schon sich auf diese Frage einzulassen, hieße, dass ich Ihnen glauben würde. Ich glaube Ihnen aber nicht. Wenn ich tot bin, können sie über mich sagen, dass dieser Junge eine Legende war. Aber bis dahin bin ich Meat Loaf.

Aber Mister Loaf, nach AC/DC haben Sie das erfolgreichste Rock-Album aller Zeiten aufgenommen. Diese Tatsache können Sie doch nicht ignorieren.

Doch, ich muss es sogar. Wie oft begegne ich jungen arroganten Musikern, die gerade gefeiert werden und ihren Mitmenschen mit Hochnäsigkeit ins Gesicht sagen: „Weißt du Wicht nicht, wer ich bin?“ So ein Ego habe ich nicht. Meine früheren Erfolge haben nichts mit der heutigen Wirklichkeit zu tun. Du bist, wer du heute bist, und nicht der, der du mal warst. Ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Was hat es heute für eine Bedeutung, dass ich früher einmal 50, 60 oder 70 Millionen Platten verkauft habe? Es sind nur Zahlen.

… die Ihren Lebensstandard aber beträchtlich angehoben haben.

Geld hat mir nie etwas bedeutet. Heute morgen bin ich von Hamburg aus mit dem Zug angereist. Bodenständiger geht es wohl kaum. Ich hätte auch eine Limousine nehmen können. Aber wieso? Nur weil irgendwer behauptet, ich sei ein Star? Ich finde das Bahnfahren ganz prima. Die Züge in den USA kannst du vergessen.

Auf Ihrem neuen Album haben Sie neben anderen auch mit Brian May zusammengearbeitet. Hat der Queen-Gitarrist getan, was Sie von ihm verlangten?

Brian war eine halbe Stunde vor mir im Studio und hatte schon drei Songs aufgenommen. Als ich ankam, spielte er sie mir vor und ich begann laut zu schreien: „Danke, Brian. Danke. Vielen Dank. Das klingt umwerfend.“ Doch er antwortete nur: „Oh, bist du sicher? Ich finde es furchtbar. Ich nehme es noch einmal auf.“ Er schnappte sich also seine Gitarre und fing wieder an. Wir waren völlig aus dem Häuschen, doch Brian wurde immer ärgerlicher, weil er mit einer winzigen Stelle nicht zufrieden war. Es war kaum zu hören, doch ihn trieb es fast zum Wahnsinn. Er rannte aus dem Studio, schimpfte mit sich selbst, tobte, kam wieder zurück und spielte so lange, bis er mit sich selbst zufrieden war. Zu sehen, wie ein Brian May mit seiner Gitarre die Geschichte eines Songs erzählt, war eine einmalige Erfahrung.

Ihre neue Single „It’s All Coming Back To Me Now“ hat eine interessante Geschichte hinter sich. Eigentlich sollte sie schon vor 20 Jahren erscheinen.

Jim Steinman, mein Autor, war damals der Meinung, dass wir den Song besser für den dritten und letzten Teil unserer „Bat out of Hell“-Trilogie aufheben sollten. Dann hat er den Song ein paar Jahre später leider dieser Kanadierin gegeben.

Diese Kanadierin hieß Celine Dion und landete damit 1997 einen Welthit.

Ach ja, Celine Dion. Mir war der Name entfallen. Als ich den Song 1986 zum ersten Mal hörte, war mir sofort klar, dass ich daraus ein Duett machen wollte. Er war wie geschaffen dafür. Celine Dion hat den Song dann als Soloversion herausgebracht. Ich war aufgebracht, als ich es erfuhr. Heute singe ich den Song genau so, wie ich es schon damals geplant hatte, und der Titel des Songs könnte es treffender nicht sagen: Es kommt jetzt alles zu mir zurück.

Ihr erstes Album sollte ursprünglich den Titel „Neverland“ tragen. Daraufhin soll angeblich Kurt Cobain als Hommage an Sie sein Nirvana-Album „Nevermind“ genannt haben.

Eine tolle Geschichte, nicht wahr? „Neverland“ war der Name eines Musicals, aus dem wir zwei Songs für „Bat Out Of Hell“ adaptierten. Mehr will ich darüber nicht sagen. Das ist doch das Schöne an diesen Legenden. Die Menschen sprechen darüber, wissen aber nicht, ob sie stimmen. So viel kann ich aber verraten: Kurt Cobain war ein großer Fan von mir. Er hat es mir oft genug gesagt.

Das Gespräch führte Lars Amend. „Bat Out Of Hell 3 - The Monster Is Loose“ ist bei Universal erschienen.

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