Neo Rauch : Die Spitzbartträger von den blauen Bergen

Rückkehr nach Aschersleben: Der Maler Neo Rauch hat seiner Heimatstadt sein komplettes grafisches Werk geschenkt und erhält ein eigenes Museum.

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Surreale Expeditionen. Die Kreide- und Tuschelithografie „Standort“ (2012). Abb.: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin und David Zwirner, New York. VG Bildkunst. Foto: Uwe Walter
Surreale Expeditionen. Die Kreide- und Tuschelithografie „Standort“ (2012). Abb.: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin und David...

Auch Malerfürsten wissen nicht unbedingt, wie ein Landesorden getragen wird. Neo Rauch hatte die Auszeichnung am Morgen vom Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff, überreicht bekommen und ein paar Zentimeter zu tief ans Revers geheftet. Jetzt, beim Mittagessen, steckt er ihn um, ins Knopfloch, da, wo er hingehört. Der Künstler, einer der bedeutendsten Vertreter deutscher Malerei, will alles richtig machen an diesem Tag. Es ist ein besonderer. Neo Rauch eröffnet seine Grafische Sammlung in Aschersleben.

Und das ist nicht irgendeine Kleinstadt am Rande des Harzes, sondern die Heimat des 52-Jährigen. Hier ist Neo Rauch bei seinen Großeltern aufgewachsen, seine Eltern verunglückten bei einem Unfall, als er vier Wochen alt war. Einmal ein Gläschen Majoran aufschrauben, das reiche schon, und er sei wieder in der Kindheit, verrät Neo Rauch im Werkkatalog, der zur Eröffnung erschienen ist.

Aschersleben war einmal das Zentrum des Majorananbaus in Deutschland. Für einen jungen Mann nicht gerade das Nonplusultra, mit 18 flieht Rauch aus der Kleinstadtenge, studiert an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Rink und Bernhard Heisig, bringt die Leipziger Schule ein zweites Mal zum Erblühen, vor allem die Amerikaner reißen sich um ihn. Heute erzielen seine Leinwände sechsstellige Summen.

Es war wohl eine Herzensentscheidung, dass Neo Rauch sein grafisches Werk, 65 Blätter, der Stadt in Sachsen-Anhalt vermacht. Oder, wie er sagt: „Das waren Empfindungen, die nicht unbedingt zerebral durchorganisiert werden.“ Für seine gewundene Ausdrucksweise ist der Künstler bekannt. Rauch spricht, wie seine Figuren aussehen. Irgendwie aus der Zeit gefallen.

Neo Rauch Museum
Neo Rauchs vierfarbiger Siebdruck "Die Zugfahrt" aus dem Jahr 1997. Zu sehen im Grafikmuseum Neo Rauch in Aschersleben, das das kompette grafische Werk des Malers zeigt.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Foto: courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin und David Zwirner, New York. VG Bildkunst. Foto: Uwe Walter, Berlin
10.06.2012 11:30Neo Rauchs vierfarbiger Siebdruck "Die Zugfahrt" aus dem Jahr 1997. Zu sehen im Grafikmuseum Neo Rauch in Aschersleben, das das...

Die Sammlung soll wachsen. Auch von jeder neuen Druckgrafik wird ein Exemplar der Auflage nach Aschersleben wandern. Damit die Stadt mit dem Erhalt keine großen Mühen hat, wurde eine Stiftung gegründet. 800 000 Euro haben der Künstler und sein Galerist und langjähriger Weggefährte Gerd Harry Lybke von Eigen+Art persönlich als Stiftungskapital eingebracht. Weitere Zustifter werden gesucht. Aschersleben, das ist von nun an der einzige Ort auf der ganzen Welt, der über das gesamte Œuvre an Lithografien, Siebdrucken und Radierungen verfügt.

Natürlich ist man hier stolz auf den Heimkehrer. Das Vernissagenpublikum strömt aus allen kopfsteingepflasterten Sträßchen herbei. Ministerpräsident Haselhoff spricht in seiner Rede von einer neuen „touristischen Leitmarke“, und Oberbürgermeister Andreas Michelmann betont mehrmals, wie heruntergekommen Aschersleben nach dem Mauerfall war und welche Veränderung die Stadt durchgemacht hat. 2010 wurde im Rahmen der Landesgartenschau eine Industriebrache in den Bestehornpark verwandelt und ein sandfarbener Neubau errichtet.

360 Quadratmeter im ersten Stock hat die Neo-Rauch-Stiftung bezogen, mitten im Stadtzentrum. Nachbar ist eine integrative Gesamtschule. Ob auch internationale Besucher ihren Weg in das 29 000 Einwohner große Städtchen finden werden? Da ist das Kuratorium gefragt, in dem unter anderem Jeannette Stoschek, die Sammlungsleiterin des Museums der bildenden Künste in Leipzig, und auch Galerist Lybke sitzen. Vorstandsvorsitzende der Stiftung ist Kerstin Wahala, eine seiner Mitarbeiterinnen von Eigen+Art. David und Monica Zwirner, Rauchs New Yorker Galeristen, sind Zustifter. Und vielleicht hilft es, dass Quedlinburg und die Lyonel-Feininger-Galerie nicht weit weg sind. Die erste Ausstellung zeigt 29 Blätter aus der Schenkung.

Er selbst hat seine Grafiken immer als Beiwerk empfunden. Und sagt in seiner Eröffnungsrede, er sei in der spätpubertären Phase seines Schaffens. „Das Beste kommt noch.“ Man darf ihm widersprechen. Die Druckgrafik ist das Kondensat seiner Malerei, ähnliche Figuren und Formen tauchen hier wie dort auf. Schon jetzt ist das Werk unglaublich vielfältig.

Begonnen hat er in den 90er Jahren mit düsteren, organisch wirkenden Abstraktionen und Figuren, die im luftleeren Raum schweben. Später agieren seine Figuren in einer Comicwelt aus klaren, grafischen Linien und in Knallfarben, neongrün, ferrarirot und postgelb. Inzwischen ist Rauch immer mehr zum Zeichnen übergegangen. Man sieht Striche und Schraffuren. Fast altmeisterlich ist die Anordnung seines Personals, das nun Gehröcke und Vatermörder trägt, Spitzbärte und rote Pausbacken. Die wunderlichen surrealen Szenen schnurren im Gegensatz zu seinen Panoramen auf Leinwand auf Straßenecken- und Stubengröße zusammen. Das passt zu Ascherslebens Gesicht, seinen hübschen Fachwerkfassaden, den Bürgerhäusern der Renaissance und des Barocks.

Überhaupt, die Heimat. In Schichten habe sie sich im Künstler abgelagert. Aus ihr schöpft er seine Bilderwelten. Mitteldeutschland, das sind die blauen Berge des Harzes im Hintergrund, freistehende Strommasten, niedriges Buschwerk, Felder, Fabrikschornsteine. Auf der Kreide- und Tuschelithografie „Der Standort“ von 2012 zeichnet sich im Hintergrund eine Stadtsilhouette ab, mit spitzen Giebeln und einer Kirchturmspitze, es könnte die weit ins Land hineinragende von Ascherslebens Sankt Stephani sein.

Auf den Grundmauern des Hotels, in dem Rauch mit seiner Frau Rosa Loy, ebenfalls Künstlerin, abgestiegen ist, stand früher eine Scheune. Sie ist abgebrannt. An die Löscharbeiten könne er sich noch gut erinnern, erzählt Rauch. Das Heimspiel hat seine Zunge gelockert, nicht immer ist der zurückhaltende Mann so gesprächig. Schon von Weitem habe man die Rauchschwaden gesehen, fährt er fort, und er sei aus dem Neubauviertel angerannt gekommen, um das Spektakel zu betrachten. Feuerwehrmänner tauchen auch in seinem Monumentalgemälde „Die Fuge“ von 2007 auf. An das Ereignis von damals habe er beim Malen nicht gedacht. „Aber“, sagt Neo Rauch, „im Hotel wusste ich plötzlich: Daher kommen sie also.“ Noch so ein paar alte Bekannte, die der Künstler an diesem Tag begrüßt.

„Neo Rauch. Das grafische Werk – Erster Teil“, bis 3. März 2013. Grafikstiftung Neo Rauch, Aschersleben. Katalog 29,80 €.

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