Kultur : Neo Rauch Retrospektive: Kleine Welt der großen Bilder

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Böse Zungen behaupten, ohne den Stau am Hermsdorfer Kreuz wäre Leipzig eine hübsche Berliner Vorstadt. Aus der vermeintlichen Provinz brilliert seit zweieinhalb Jahren die Galerie für Zeitgenössische Kunst, die dem Maler Neo Rauch bis Ende Februar eine Retrospektive widmet. "Randgebiet" nennt der gebürtige Leipziger vieldeutig seine erste umfassende Museumsschau und auf der gleichnamigen Papierarbeit vollzieht er selbstironisch den Höhenflug: ein Hubschrauber trägt das RANDGEBIET als Schriftbanner in die Zentren; 2001 wandern die 81 Arbeiten ins Münchener Haus der Kunst und in die Kunsthalle Zürich. Der 1960 geborene Rauch, der an der Leipziger Akademie das akkurate "Scheitel-Ziehen" lernte, ist trotz allem der Perpherie bis heute treu geblieben; ähnlich spannungsgeladen ist auch das Verhältnis zwischen Bildraum und seinem Figurenarsenal.

Mit realistischem Habitus erzählen die großformatigen Bilder von der kleinen Welt und zielen traumwandlerisch auf einen Kosmos, der wohl vertraut scheint, doch nie zu orten ist. Das Personal erinnert an die adrette Staffage jener Zeit, als Werbung noch Reklame hieß, und an Sympathieträger realsozialistischer Propaganda. Im narrativen Kontext der Bilder verdichten sich die erstarrten Piktogramme zum kafkaesken Neo-Rauch-Realismus. Heroen des Arbeiter- und Bauernstaates vereinen sich schalkhaft mit Symbolen des Surrealismus - Spermien fliehen aus Kühlschränken, ein Schubladen-Rückgrat erinnert an Dalis "Brennende Giraffe". Die Themen scheinen greifbar nah und verweigern sich doch der Entschlüsselung; sie leben aus der puren Farbe, deren Entwicklung vom erdig-schwarzen Tondi über die Staubfarben ab Mitte der 90er Jahre bis zur frischen Farbigkeit der Gegenwart die Ausstellung gelungen nachvollzieht.

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