Kultur : Neo Rauch: Schleppnetze durch Schlickschichten

Nicola Kuhn

Rätselhafte Handlungen verrichten diese Menschen, halten Schilder ohne Aufschrift hoch, staken mit langem Gestänge in trübem Wasser, stehen wie versteinert in einer surrealen Welt. An ihrer Entschlüsselung hat sich so mancher lustvoll die Zähne ausgebissen, denn Neo Rauchs Bilder öffnen sich jedweder Interpretation, sind idealer Schauplatz und Projektionsfläche jedem, der seiner Phantasie freie Bahn lässt. Indizien gibt der Künstler zwar durch seine Titel wie "Falle", "Stereo", "Märztag" - und tatsächlich lassen sich zuordnende Bildgegenstände finden, wie zwei Lautsprecherboxen oder ein im Beet arbeitender Protagonist. Ansonsten aber schieben sich zu viele Bedeutungsebenen ineinander, verweben sich äußere Realität und innere Bilder so unentwirrbar miteinander, dass nach einer Weile wohl jeder Betrachter von der Sinnsuche lässt und staunend ein Gesamtwerk würdigt, das in seiner Eigenheit und Ausgereiftheit imponiert.

Der 41-jährige Leipziger hat dem Kunstbetrieb etwas zurückgeschenkt, was dieser bereits unwiederbringlich verloren wähnte: den Glauben an die Malerei. Seit Jahren schon wird ihre Rückkehr propagiert. Kaspar Königs Ausstellung "Der zerbrochene Spiegel" in den Hamburger Deichtorhallen 1993 war eigentlich als das Fanal ihres Comebacks gedacht. Doch stattdessen begannen Popkultur und Club-Ambiente die Szene zu dominieren; an Stelle gediegener Malereikultur feierten intelligenter Unernst und kunstschnittiger Lifestyle fröhliche Urständ. Das Alternativprogramm aus dem Osten Deutschlands hatte dagegen kaum eine Chance. Die Produkte der Malereihochburgen Leipzig und Dresden gelangten nur spärlich ins allgemeine Bewusstsein, denn im Westen wollten die wenigsten Künstler, Kritiker und vor allem Kuratoren von ihrem komfortablen Vorurteil nicht lassen, dass hier nur Hinterwäldler am Werke seien.

Doch manchmal nimmt auch scheinbar vorausehbares Rezeptionsverhalten eine überraschende Wende. Nachdem bereits Dresden mit seinen jungen Neopop-Artisten von sich Reden machte (die sich schon länger im Verborgenen bei Sammlern wachsender Beliebtheit erfreuen, da sie hier endlich wieder Präsentables, nicht zuletzt Dekoratives von hoher Malereikultur erwerben konnten), schickt Leipzig nun sein bestes Pferd ins Rennen: den Eigenbrötler Neo Rauch, der als Meisterschüler von Bernhard Heisig 1990 noch brav die Hochschule für Grafik und Buchkunst absolvierte, ein wenig zwischen Figuration und Abstraktion kokettierte und seit Mitte der neunziger Jahre bei einer ganz eigenen Melange beider Stilrichtungen angelangt ist, die nun mit einer großen Wanderausstellung nach ihrer ersten Station in Leipzig im Münchner Haus der Kunst für Furore sorgt.

Wer wollte, konnte diesen Hochbegabten allerdings früher entdecken wie etwa die Ankaufskommission der Deutschen Bank, deren Scouts bereits vor zehn Jahren Gemälde von ihm direkt aus dem Atelier erwarben. Da ist es nur zu verständlich, dass die Sammlung ihre jüngsten Kunstkäufe gerade jetzt in ihrem Berliner Edel-Showroom "Deutsche Guggenheim Berlin" präsentiert, wo Rauch bundesweit größte Aufmerksamkeit genießt und sein New Yorker Galerist für Einzelbilder Wartelisten mit bis zu achtzig Kaufinteressierten führt. Der Unterschied zur vorherigen Berliner Guggenheim-Ausstellung mit Werken von Jeff Koons könnte größer nicht sein. Auch das amerikanische Vermarktungsgenie Koons zeigte exakt sieben Gemälde, die zwar technisch perfekt ausgeführt waren, doch in ihrer glatten Pop-Ästhetik unberührt ließen, während Rauch eindringliche Innenbilder zeigt, verstörende Psychogramme seiner DDR-Kindheit und verschleierte Erinnerungen an ein untergegangenes Land. Die einzelnen Tableaux besitzen eine solche Intensität, dass sie in ihrer Beschränkung auf allein sieben Beispiele weitaus kraftvoller wirken als die vierzig für die Leipziger Wanderausstellung zusammentragenen Werke. Diese laufen Gefahr, dass man allein die sich wiederholende Technik der Bildkompositionen registriert und nur das Comichafte des Bildpersonals studiert.

Rauch selbst gibt nur ausweichend Auskunft über die Inhalte seiner Bilder, beschreibt seine Malerei als "ein Schleppnetz, das ich von meinem Lebenskutter aus durch Schlickschichten ziehe". Beschlagene Exegeten könnten deshalb in dem jüngst entstandenen extremen Querformat "Das geht alles von ihrer Zeit ab", das eine vorüberfahrende feuerrote Bahn zeigt, genau jenen Zug erkennen, mit dem die Eltern des gerade einmal sechswöchigen Neo tödlich verunglückten. Eine szenische Vergrößerung, die als Montage aus einem der Zugabteile herausgeschnitten ist, zeigt einen Mann mit Stange - oder ist es ein Casher? -, der an diesem ungewöhnlichen Ort herumflatternde Schmetterlinge zu jagen versucht, vielleicht aber auch seine Reisegefährten attackiert. Wer um Rauchs Auseinandersetzungen mit den verschiedenen malerischen Strategien weiß, der könnte darin wiederum den klassischen Künstlerkonflikt dargestellt sehen, denn stets ist sein eigenes Konterfei in den typisierten Figuren mit dem zurückgekämmten, gewellten Haar zu erkennen.

Rauchs rätselhafte Hauptdarsteller befinden sich in einer merkwürdigen Zwitterposition, wie entsprungen dem sowjetischen Propaganda-Inventar des Neuen Menschen, der im Westdeutschland der achtziger Jahre erstaunliche Wiederkehr feierte (etwa in Gestalt der Musiker von "Kraftwerk"). Der Künstler hat sie ausgespuckt in verödeten Landschaften, zwischen rätselhaften Fabrikationsanlagen, entleerten Autobahnen und vereinsamten Häusern. Diese Leere und scheinbare Unsinnigkeit ihres Tuns lenkt den Blick zurück auf die Malerei, die sich nicht in der dargestellten Erzählung vollendet, sondern ihren Sieg in der Balance mit den abstrakten Passagen dieser Bildräume davonträgt. Neo Rauchs Gemälde machen Staunen wie lange keine Bilder mehr. Die mit ihm endlich konstatierbare erfolgreiche Rückkehr der Malerei konnte wohl nur aus dem Stillen, gepaart mit der Kraft des Unbewussten und auf der Grundlage einer soliden Ausbildung gelingen.

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