Neostummfilm : "The Artist": Das Glück des Schweigens

Ich werde kein Wort sagen“ – „Sprich!“ Michel Hazanavicius’ köstliche Stummfilm-Hommage „The Artist“ ist in nostalgischem Schwarz-Weiß gedreht - aber macht auch Hoffnung für die Zukunft des Kinos.

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Ein Star, ein Fan. Gerade hat die Autogrammjägerin Peppy (Bérénice Bejo) die Absperrung durchbrochen, da überrascht sie schon ihr Idol George Valentin (Jean Dujardin) mit einem Kuss. Und wird dadurch selber über Nacht berühmt.
Ein Star, ein Fan. Gerade hat die Autogrammjägerin Peppy (Bérénice Bejo) die Absperrung durchbrochen, da überrascht sie schon ihr...Foto: Delphi-Filmverleih

Als die Bilder sprechen lernten, da ging ihnen auch etwas verloren: ihr Zauber. Zeitgenössische Kritiker waren sich weitgehend einig, dass der Film, als in ihm auch gesprochen, gesungen und musiziert werden konnte, aufgehört hatte, Kunst zu sein. „Der Eindruck, dass da nicht ein Abbild, sondern ein leibhaftiges Wesen agiert, ist völlig zwingend“, notierte Rudolf Arnheim 1928 zur Einführung des „tönenden Films“ in der „Weltbühne“. Damit trete die Filmkunst „ihren mühselig eroberten Platz wieder an den guten, alten Guckkasten ab“. Siegfried Kracauer war noch 1951 überzeugt, dass „die Filmkomödie mit dem Stummfilm starb“. Schuld seien das Schwinden des Slapsticks sowie „das Hinzukommen des Dialogs“. Einzig Harpo, der schweigende, allein mimisch und akrobatisch agierende Marx Brother, habe den Medienwandel überlebt, ein „exilierter Komödiengott, auserkoren, die Rolle eines mutwilligen Poltergeistes zu spielen“.

George Valentin wird als größter Stummfilmstar aller Zeiten verehrt, als ihm – die Szene spielt im Hollywood des Jahres 1929 – sein Produzent eröffnet, dass die Zuschauer künftig „neue Gesichter“ sehen wollen, „sprechende Gesichter“. Worauf Valentin sagt: „Ich bin keine Puppe, sondern ein Artist, ein Künstler“, und seinen Vertrag kündigt.

Allerdings sagt er es nicht wirklich, wir lesen es auf einem Zwischentitel in „The Artist“, dem nach diesem hochmütigen Ausruf benannten, mit drei Golden Globes ausgezeichneten Neostummfilm des Franzosen Michel Hazanavicius. Lautmalerisch ist Valentin an das Stummfilmidol Rudolph Valentino angelehnt, aber in Gestalt von Jean Dujardin ähnelt er mehr einem Marx Brother, allerdings nicht Harpo, sondern Groucho, dem dauerquasselnden, dauerrauchenden Familienoberhaupt. Mit winzigstenVerschiebungen in seiner Gesichtslandschaft kann Dujardin, der in Cannes den Darstellerpreis gewann, genregerecht ganze Breitwandmelodramen darstellen. Ja, er wäre in der Lage, auf seinen gewaltigen Augenbrauen Pingpongbälle tanzen zu lassen.

Doch die Kritiker damals lagen, wie so oft, falsch. Auch Valentin soll nicht recht behalten: Eine Ära ist vorbei, das Neue siegt. Valentins selbst produzierter Abenteuerfilm „Tears of Love“, in dem er als Dschungelheld lautlos im Wüstensand versinkt, will in einem abgeranzten Kintopp kaum jemand gucken. Nebenan im scheinwerferlichtumgleißten Art-DécoKinotempel stehen die Leute Schlange, um Peppy Miller (Bérénice Bejo) in ihrer neuen Musik-und-Stepptanz-Revue „Pennies From Heaven“ zu sehen. Der abdankende Altstar stapft resigniert über einen „Boulevard of Broken Dreams“, ab ins Off. Diese Peppy, ein koboldhaftes It-Girl mit ondulierten Locken, hatte einst als Valentins Verehrerin und, entdeckt im Fangetümmel einer Filmpremiere, als seine Komparsin angefangen. Ihre Verehrung bleibt, die Liebe folgt ihm auch im Abstieg. Hinreißend der Marx- Brothers-artige Manteltanz in seiner Garderobe, bei dem sie, mit ihrem einen Arm im Ärmel seines Smokings, sich selbst umarmt und den anderen an seine Schulter lehnt.

Worum es in dieser Hommage geht, wird schon mit den ersten Texttafeln deutlich: um den Kampf des Tons gegen die Stille. „Ich werde kein Wort sagen“ – „Sprich!“, steht da, ein Dialog aus einem Gangsterdrama, in dem bolschewistische Terroristen Valentin als Gefangenen mit Elektroschocks foltern. Später sind es statt der Kommunisten die Geräusche seines auf dem Schreibtisch abgestellten Glases, Telefonklingeln und Hundegebell, die ihn quälen, diesmal tatsächlich auf der Tonspur. Bald darauf eröffnet ihm seine frustrierte, in der gemeinsamen Villa wie eine Nippesfigur aus der Streamline-Moderne abgestellte Frau (Penelope Ann Miller) am Frühstückstisch: „Wir müssen reden.“ Verloren und verlassen wird der Artist zum Tramp wie Chaplin. Es folgen Depression und Jazz Age, Charleston und sehr viel Bigbandswing, das Anstehen vor den Auslagen der Pfandleiher und die Dekadenz auf den Marmorböden der Grand Hotels. Ein schwarz-weißes Epochengemälde – und zwei Parallelbiografien, die sich am Ende wieder kreuzen.

Erzählt wird in dem Historiendrama, das bis in kleinste Ausstattungsdetails und die strahlenden Helldunkelwerte der Filmkörnung seinem Gegenstand akkurat nachempfunden ist, auch von einer aktuellen Hoffnung. Selbst nach 70 Jahren muss ein uraltes Medium noch nicht veraltet sein. Diese Botschaft wollen die Filmstudios gerne glauben, die in Hollywood und Paris mit den Folgen der digitalen Wende kämpfen.

Das Neue und das Alte müssen nur irgendwie zusammenfinden, so wie Peppy Miller und George Valentin. Das Ergebnis hieße in diesem Fall: 3-D rettet tatsächlich das Kino. Es könnte aber auch bloß ein Pfeifen im Walde sein. Wir sollten also genau hinhören. Spielt hier bereits jemand das Lied vom Tod? Wird das Schweigen von „The Artist“ überbewertet? Der Zuschauer bleibt einstweilen sprachlos zurück. Vor Glück.

Ab Donnerstag in den Kinos Cinema Paris, Cinemaxx, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Kulturbrauerei, Titania Palast, Yorck; englische Texttafeln im Cinestar SonyCenter und Neues Off

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