Kultur : NeroHitlerStalin

MEIKE MATTHES

Detlef Schulzes "Besatzung Rom" beim Berliner StückemarktVON MEIKE MATTHESDer "Stückemarkt" des Berliner Theatertreffens - ein Trockenübungsplatz für verbissene Papiertiger? Ein verkapptes Bestattungsunternehmen, das literarischen Totgeburten ein erstes und letztes Geleit anträgt? Ein Novitäten-Friedhof? Alle Jahre wieder regen sich die Vorurteile gegen diese wackere Veranstaltungsreihe, die unermüdlich den Kopfstand probt wider eine mit Risikounlust und Leerlaufroutine zermürbend vor sich hin rotierende Bühnenbetriebsamkeit: für ein anderes Theater, das vielleicht noch ungelenk ist in seinen Kinderschuhen, aber wenigstens fortschreitend, über die bewährten Trampelpfade hinaus.Und so kritisierte Klaus Völker in seiner diesjährigen Eröffnungsrede noch einmal die Schwerfälligkeit der großen Bühnen, deren Erneuerungssehnsucht sich so häufig in kurzatmiger Neu-Gier erschöpft, aber für eine geduldige, begleitende, Entwicklungen fördernde Autorenpflege keine Energie mehr aufbringt - ein Vorwurf, dem sich auch das Deutsche Theater, in dessen Räumlichkeiten der Stückemarkt nun wieder seine Zelte aufschlägt, nicht entziehen kann.Die erste Lesung, andeutungsweise in Szene gesetzt von Studenten der Ernst-Busch-Schule, präsentierte allerdings einen noch unbekannten Dramatiker, der nicht gerade ungestüm aus den Zügeln des Altbewährten drängt.Detlef Schulze, Jahrgang 1961, aufgewachsen im mecklenburgischen Güstrow, in Berlin lebend, hat sich als Heizungsmonteur, Altenpfleger und Bühnenhandwerker verdingt, bevor er begann, Theaterstücke zu schreiben.Ihn interessieren die archetypischen Subtexte unserer gegenwärtigen Geschichtsschreibung, "die Ahnen im Schatten des Heute".Aus dem großen Chor der Heiner-Müller-Epigonen sticht seine Stimme deutlich hervor.Es ist sein gewandter, gänzlich ungenierter Umgang mit einer alle Verspieltheiten übersteigenden hohen Sprache, der zunächst einen gewissen Eindruck macht - auch wenn das vorgestellte Stück sich über weite Strecken wie eine Wiederaufbereitung von Müllers "Wolokolamsker Chaussee" ausnimmt."Besatzung Rom" zeugt von Detlef Schulzes Bereitschaft und Fähigkeit, sich den großen Themen auch mit großen Worten zu nähern.Hier wird ein gedanklicher Bogen geschlagen, der vom Niedergang des Römischen Reiches durch die Schlachtfelder dieses Jahrhunderts direkt ins Scheitern des Sozialismus führt."NeroHitlerStalin" heißt die Blutspur, die uns den Weg weist aus einer nebulösen antiken Trümmerlandschaft über das vom Zweiten Weltkrieg umnachtete Moskau nach Berlin im Jahr des Mauerfalls.Aeneas, der Gründer Roms, erfährt eine fragwürdige Reinkarnation als Stasi-Major, der der Liebe entsagt, um sich mit Leib und Seele der Partei zu verpflichten.Rom wird zur Metapher für den unsterblichen Moloch Staat, die nimmersatte Bestie, die Menschen frißt und Utopien zermalmt.Und zuletzt bleibt nur eine spärliche Hoffnung: "Solange sich noch Worte treffen ist der Mensch./ Im Rücken das Leben im Angesicht die Zukunft."So tönt es, und das scheppernde Echo, das Detlef Schulzes schmiedeeisernes Pathos hinterläßt, ist leider unüberhörbar.Auch der konzentrierte Vortrag der Ernst-Busch-Studenten unter Leitung von Jörg Jannings weckt kein Leben in diesen erratischen Sprachkunstblöcken.Gleichwohl: Noch einmal Abschied zu nehmen von der kommunistischen Utopie, noch einmal ihr Scheitern zu ergründen, noch einmal die Kraft aufzubringen, um sie zu trauern, in einer Sprache, die ihrer würdig ist - das ist ein unzeitgemäßer und also ein mutiger Anspruch.

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