Kultur : Nette Gemälde von nebenan

Mark Francis in der Galerie Thomas Schulte

Ulrich Clewing

Für die Preise, die seine ehemaligen Mitstreiter erzielen, fehlt ihm noch eine substanzielle Null. Und auch sonst hatte der Wirbel um Mark Francis nie die Lautstärke der anderen Sensation-Künstler erreicht. Auf den zweiten Blick verbindet den 1962 im irischen Newtonnards geborenen Maler jedoch eine ganze Menge mit den Protagonisten der young British artists, die in der umstrittenen Wanderausstellung beteiligt waren: Das Körperliche, Klinische und latent Unangenehme kann man auch an Francis’ Gemälden wiedererkennen, allerdings in buchstäblich verschleierter Form.

Früher lag seine Stärke darin, dass bei ihm die Dinge gerade nicht so offensichtlich waren, wie bei den übrigen Sensation-Teilnehmern. Auch heute noch beschränkt er sich auf Andeutungen und ist zufrieden, wenn beim Betrachter Ahnungen aufsteigen. Insofern sind die zehn neuen Bilder von Francis, die Thomas Schulte in der aktuellen Ausstellung zeigt, eine konsequente Weiterentwicklung. Sie sehen erst einmal sehr schön aus und sind einfach hervorragend gemalt: Feine Linien werden zu luftigen Geflechten, ziehen sich in eleganten Schwüngen über die Leinwände, und finden ihr Echo im nebulösen, milchig-weißen Hintergrund. In den Bildtiteln wird Francis schon etwas deutlicher, obwohl man auch hier gut daran tut, ein bisschen Zusatzwissen mitzubringen. Hilfreich wären zum Beispiel Grundkenntnisse medizinischer Fachtermini: Eines der Gemälde heißt „Congestion“, worunter man sich so etwas wie einen anormalen Blutandrang im menschlichen Gehirn vorstellen darf (27000 Euro), zwei andere hat Francis „Lattice“ und „Lattice 2“ („Gitterwerk“) genannt (ebenfalls je 27000 Euro, kleinere Formate ab 9500 Euro).

So richtig deutlich wird es erst, wenn man einen der Kataloge zur Hand nimmt, in dem Illustrationen aus alten Lehrbüchern abgedruckt sind. Dort endet das Vergnügen dann kurzzeitig recht abrupt: Wenn man nahe genug herangeht, können Hautkrankheiten ziemlich eklig ausschauen, und diese roten Pusteln, Punkte und seltsamen Fäden lassen nichts Gutes erwarten. Tatsächlich wirken einige dieser Wucherungen so, als hätte Francis sie als Vorlage genommen und eins zu eins auf die fast quadratischen, über zwei Meter breiten Formate übertragen. Gleichzeitig drängt sich der Verdacht auf, diese Art der Entzauberung sei beabsichtigt. Denn nachdem sich der Betrachter kurz gegruselt hat, überwiegt wieder die Faszination. Es ist wie ein Blick durchs Mikroskop: Mit leichtem Schauder dringt man immer weiter in unbekannte Regionen vor und entdeckt dabei Sachen, die unzweifelhaft existieren, aber normalerweise verborgen bleiben.

Parallelwelten haben die Menschen seit jeher gereizt. Bei Francis gewinnen sie besondere Anziehungskraft durch den Umstand, dass sie immateriell und konkret zugleich zu sein scheinen. Die Bilder bestehen aus unzähligen Schichten von Farbe, die Francis übereinander legt, bis sie eine ganz spezielle Räumlichkeit und ein ganz spezielles Glimmen erlangen. Man nimmt die Bilder als Einheiten wahr, die in drei verschiedene Ebenen aufgeteilt sind. Da ist der gestochen scharfe Vordergrund, die Wiederholung oder Spiegelung im Hintergrund – und die Ebene dazwischen, deren Ausdehnung unbestimmt ist und die den Bildern den Charakter des Rätselhaften verleiht.

Und das ist wahrscheinlich am Ende der alles entscheidende Unterschied zu den anderen young British artists: Mit denen kann man sicher viel Spaß haben, aber Geheimnisse für sich zu behalten war nie ihre Stärke. Bei Francis verhält es sich genau anders herum. Seine Bilder sind dekorativ, handwerklich perfekt; sie sind die braven, netten Gemälde von nebenan, die man leicht für etwas langweilig hält – bis man bemerkt, wie sehr man sich doch manchmal täuschen lässt von Oberflächlichkeiten und anderen Augenwischereien.

Galerie Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 10. April; Montag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–15 Uhr.

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