Netzkultur : Muss man jede Mail beantworten?

Dass es noch ein Leben diesseits der digitalen Welt gibt – vielleicht muss diese Erfahrung so mancher wirklich einmal wieder machen. Selbstversuche, offline: Christoph Koch und Alex Rühle beschreiben das Leben ohne Netz und digitalen Boden.

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Auf den Gedanken muss man erst einmal kommen: sich sechs Wochen auszuklinken und auf Internet und Handy zu verzichten, wie es „Neon“-Journalist Christoph Koch getan hat. Oder gleich ein halbes Jahr ausschließlich offline zu sein, wie Alex Rühle, Feuilletonredakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Die meiste Zeit davon hat Rühle in seiner Redaktion gearbeitet oder auf Reisen seine Texte recherchiert. Das Gute daran: Journalisten können Bücher über diese ach so schwere Zeit schreiben, sie müssen ihre Erfahrungen mitteilen. Im günstigsten Fall gelingt es ihnen in ihren Büchern, Trends zu setzen, die nicht nur auf den Buchmarkt beschränkt sind, und auf etwas aufmerksam zu machen, das mehr als nur eine Berufsgruppe oder eine Generation beschäftigt. Vielleicht gelingt es sogar, einen gesellschaftlichen Zustand zu beschreiben.

Mein Freund Gernot übrigens, gleicher Jahrgang wie Rühle, Oberarzt in der Psychiatrie eines Berliner Krankenhauses, ist noch nie auf den Gedanken gekommen, mal wieder komplett offline zu gehen. Er hat Internet, er besitzt ein Handy, er arbeitet im Krankenhaus mit dem Computer, und er kommt damit bislang problemlos zurecht. Christoph Koch spricht davon, auf „Entzug“ gewesen zu sein, sich ausgeschlossen gefühlt zu haben. Am 17. Tag seiner Offline-Existenz aber ist er einverstanden mit dieser: „Das Gefühl der Einsamkeit ist verschwunden, seit ich mich wieder verstärkt mit Leuten verabrede, sie spontan anrufe oder dem Gespräch mit einem Fremden in der Bäckereischlange nicht mehr wie bisher augenrollend aus dem Weg gehe …“

Auch Alex Rühle spricht oft von „Sucht“ und „Entzug“ und „Leere“. Er möchte wissen, „wie es ohne ist, gerade weil ich mir ein Leben ohne Netz nicht mehr vorstellen kann“. Aber auch, weil er skeptisch ist, er die Folgen des ständigen Draufseins zu spüren bekommen hat: „Ich habe das Gefühl, dass ich mir selbst abhanden komme. Dass es mich schluckt. Mein Kopf glich abends, wenn ich vom Büro heimradelte, oft einem neuronalen Flipperautomaten.“

Während Koch ungezwungen Internet-Philosophen wie George Dyson oder Online-Pioniere wie Howard Rheingold in seinem Erfahrungsbericht unterbringt oder den Siegeszug des Blackberrys dokumentiert, ist Rühle skrupulöser. Zumindest tut er so, stört ihn doch „der ideologisch aufgeheizte Streit ums Netz“, ätzt er über die „heilsgewissen Schwärmer: Wir gehen zugrunde am Netz, Entropie total, Fanatismus allerorten, das kollektive Gedächtnis erlischt ... Aber nein, im Gegenteil, ein neues, fantastisches Zeitalter bricht an“. Ja, schwer, da als Online-Junkie die Ruhe zu bewahren, nicht in Alarmismus auszubrechen und zu schirrmachern darüber, wie wir die Kontrolle über unser Denken verlieren.

Alex Rühle behilft sich mit dem Kunstgriff, die Netztheoretisiererei zu ironisieren, sich selbst zu ermahnen, wenn er über die Zeit an sich oder unseren Zeitbegriff räsoniert, um so gewissermaßen durch die Hintertür einiges von den Debatten über das Netz in seinem Buch unterzubringen. Albern wird es, wenn er sich danach abstraft mit Worten wie, „ab mit dir in die analoge Ecke, Alex, eine Runde schämen.“ Und ganz ernst (und sehr interessant), wenn er den Soziologen Hartmut Rosa zitiert, dass wir mit der theoretischen Einordnung der kulturellen Folgen der Netzmanie „auch nicht ansatzweise hinterherkommen.“

Oder den italienischen Reporter Fabrizio Gatti, der für sein Buch „Bilal“ mit illegalen afrikanischen Immigranten in der Westsahara nach Europa unterwegs war: „Sie alle haben eine E-Mail-Adresse. Das Web, das Netz und das Internet sind der einzige feste Halt in ihrem Leben. Der einzige Raum, in dem sie eine Spur hinterlassen können.“

Hier öffnen sich ein völlig andere Erkenntnis- und Erfahrungsräume. Doch müssen Rühle und auch Koch stets zurück in ihre journalistische Offline-Existenz, die sie in Tagebuchform festhalten. Analog ist nicht besser, erfahren wir, aber auch nicht ganz schlecht – wären da nicht die Probleme, Fax-Geräte zu bedienen, öffentliche Telefonzellen zu finden, sich einen Stift auszuleihen oder das Kopfgeschüttel der Kollegen zu ertragen. Digital ist auch nicht besser, aber schon okay und eben Alltag: privater – und beruflicher von Journalisten sowieso. Was aber ist mit dem KFZ-Mechaniker, der höchstens mal bei Ebay was bestellt und das Handy nur zum Telefonieren benutzt? Was mit dem 40-jährigen Mediziner? Und: Muss man jede Mail, jede SMS beantworten? Ist die Veranlagung, bestimmte Süchte zu entwickeln, nicht bei jedem unterschiedlich ausgeprägt? Was passiert mit den Münchener Schülern – Rühle ist da auf dem richtigen Weg – die mit ihrem Handy verwachsen sind? Koch und Rühle spüren einem Unbehagen nach, das, ja ja, Frank Schirmmacher mit „Payback“ letztes Jahr schon formuliert hat, um gleich unsere Verwandlung in Cyborgs, diese alten Schreckgespenster, zu prophezeien und nebenbei die digitale Debatte hierzulande auf den neuesten Stand zu bringen. Weil beide sich das klugerweise nicht anmaßen, haben sie „Selbstversuche“ unternommen und unterhaltsame, bisweilen etwas redundante, bisweilen, wie es das Genre erfordert, privatistische Erfahrungsberichte geschrieben, die manche Fragen offen lassen.

Zurück in die analoge Welt will keiner. Koch und Rühle haben sich nach ihrer Auszeit schnell wieder zugeschaltet. Dass es noch ein Leben diesseits der digitalen Welt gibt – vielleicht muss diese Erfahrung so mancher wirklich einmal wieder machen. Allein der beliebte „gesunde Menschenverstand“ verlangt jedoch beizeiten: abschalten! Jetzt fehlt nur noch der Erfahrungsbericht meines Freundes Gernot. Und der nächste Trend ist auch schon in Sicht. Jugendliche wenden sich von all dem digitalen Zeug ab – null Blog oder so.

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Blanvalet, München 2010. 272 S, 12, 95€. Alex Rühle: Ohne Netz. Klett Cotta, Stuttgart 2010. 220 S., 17, 95. €

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