Kultur : Netztexter

Buchmesse 2: Online beim Börsenverein

Gregor Dotzauer

Die Titel der Veranstaltungen sind austauschbar. Sie heißen „Freies Wissen: Bedrohung oder Chance für Verlage?“, „Die Downloadgesellschaft – Chancen und Risiken für das elektronische Publizieren“ oder „Verlage und Web 2.0: Chance oder Hype?“ Alles Variationen der Frage „Technik – Fluch oder Segen“ – als hätte man je Gelegenheit gehabt, sich zu entscheiden. Zumindest die Perspektive des Börsenvereins ist klar. Es geht darum, zu retten, was vor dem digitalen Sturm noch zu retten ist. Themen und Tempo gibt das World Wide Web vor. Die „Volltextsuche online“, die der Börsenverein nun als Antwort stolz präsentiert, hat noch nicht einmal Betaversionscharakter.

Mit der Suchmaschine Google Print und ihren Riesenbibliotheken eingescannter Bücher ist der Traum von der vollständigen Verfügbarkeit alles jemals gedruckten Wissens im Internet aufgetaucht – und es soll nicht nur über Bildschirme flimmern. Jason Epstein berichtet in der Messeausgabe der „New York Review of Books“, dass in der WeltbankBuchhandlung in Washington bereits eine Druck- und Bindemaschine steht, die binnen Minuten aus einer Datei ein Paperback herstellt. Eine zweite befindet sich in der ägyptischen Bibliothek von Alexandria, eine dritte, so Epstein, werde demnächst in der New York Public Library aufgestellt. Über kurz oder lang wird das in Deutschland Schule machen.

Mit Wikipedia ist überdies eine in vielen Bereichen mittlerweile unerwartet zuverlässige Online-Enzyklopädie aufgetaucht, die mit fünf Millionen Artikeln in über 200 Sprachen das herkömmliche Universallexikon in Bedrängnis bringt. Das Wissen bezahlter Experten und Redakteure konkurriert mit der „SchwarmIntelligenz“ einer Netz-Community, die ihre Artikel gemeinschaftlich schreibt und kostenlos zur Verfügung stellt.

Das Konzept der „Volltextsuche online“, die im Februar 2007 starten soll, ist gegenüber der Google-Macht wie gegenüber den Graswurzelrevolutionären von Wikipedia noch unausgegoren. Das geschäftliche Hauptinteresse richtet sich auf Novitäten, die je nach Vorgabe der beteiligten Verlage seitenweise oder ganz, virtuell (per PDF-Download) oder materiell (per Bestellbutton) verkauft werden sollen – ein Schritt im Kampf gegen urheberrechtliche Piraterie. Die Vision besteht darin, in Kooperation mit Bibliotheken auch alle lizenzfreien deutschen Titel einzustellen. Das unter dem Dach einer privatwirtschaftlichen Initiative hinzubekommen, die für ihr Engagement keinen Cent ausgeben will, wird schwierig.

Die Sache mit der Piraterie kann man übrigens auch anders sehen. William Pollock verlegt Computer- und Programmierbücher. Über Google Print, erklärt er in Frankfurt, habe er noch kein einziges Buch verkauft. Dagegen würden illegale Netzkopien der Bücher für seinen Verlag viel besser werben. Seine Rechnung lautet: ein Buch geklaut – zwei gekauft. Ohne die scheinbar entgangenen 33 Prozent des Umsatzes, so Pollock, würde er die anderen 67 nie machen.

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