Kultur : Netzwerker

Buchmesse 1: Mittwochs bei Suhrkamp

Gerrit Bartels

Es gibt auf der Frankfurter Buchmesse einen Termin, den kein Kritiker versäumt. Immer am Buchmessenmittwoch um 17 Uhr lädt der Suhrkamp Verlag zum Kritikerempfang in die Klettenbergstraße 35, in die Unseld-Villa, und immer kommen sie alle, ob sie nun mit dem Verlag sympathisieren oder ihm, gerade wegen seiner seit drei Jahren amtierenden neuen Leiterin, der Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz, eine tiefschwarze Zukunft prophezeien.

Die Stimmung ist jedoch gehoben, veröffentlicht doch der Suhrkamp Verlag die Bücher von Katharina Hacker, die am Montagabend den Deutschen Buchpreis für ihren Roman „Die Habenichtse“ erhalten hatte. Selbstverständlich legten sich da Freudestrahlen auf die Gesichter der Suhrkamp-Verantwortlichen, fingen diese noch am selben Abend an, die Druckereien anzurufen, um dem Bedarf der Buchhandlungen nachzukommen, da lässt sich so eine Buchmesse für einen zuletzt krisengebeutelten Verlag wie Suhrkamp doch gut an. Dass in den Fluren der Messehallen gleich das Gerücht die Runde machte, der Buchpreis an Hacker, deren Roman einige für den schwächsten der sechs nominierten Buchpreistitel hielten, sei nichts als eine Suhrkamp-Stützungsaktion, gehört zum Buchmessengerüchtespiel.

Ulla Berkéwicz jedenfalls kommt an diesem Nachmittag ohne kulturpessimistisches Tamtam oder weihevollgehobenes Begrüßungsgerede aus. Fast nüchtern begrüßt sie ihre Gäste und zitiert lobende Signalsätze aus Feuilletonbesprechungen von Kevin Vennemanns Debütroman „Nähe, Jedwejew“. Mag Vennemanns übertrieben dunkel einzelne Sätze und Worte betonende Lesung nicht gerade Begeisterungsstürme entfachen, so deutet sein Kurzauftritt doch darauf hin, dass bei Suhrkamp nach der in die Jahre gekommenen Pop-Trias Meinecke-Neumeister-Goetz in Sachen Jugend und Pop wieder was geht: Dietmar Dath schwirrt durch die Räume, genauso wie die beiden Spex-und-Intro-Autorinnen und Popjournalistinnen Kerstin und Sandra Grether. Thomas Meinecke ist selbstredend auch da, fast schon graue Pop-Autoren-Eminenz. Fehlt also vor allem Rainald Goetz, zu dessen Abwesenheit sich weder Meinecke noch die Suhrkamp-Lektorenschaft äußern mochten. Goetz, sonst regelmäßiger, begeisterter Gast des Kritikerempfangs, ist abgetaucht und schreibt an einem Roman, dessen Veröffentlichung sich allerdings von Saison zu Saison verschiebt. Möglicherweise wieder Stoff für ein neues, spektakulär-tragisches Kapitel in der großen Suhrkamp-Saga.

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