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Karl Hafner

WEGE IN DIE NACHT

von Andreas Kleinert

Walters Welt ist eine Industrieruine, ein stillgelegter Betrieb, durch gesellschaftliche Veränderungen, die Wende, den Lauf der Zeit überflüssig geworden. Hier hatte er früher das Sagen. Jeder kannte ihn, man zog den Hut vor dem Genossen Generaldirektor. Als Arbeitsloser sucht er sich jetzt eine aus seiner Sicht gemeinnützige Tätigkeit, einen freiwilligen KeinEuro-Job: Mit zwei jungen Helfern geht er auf Privatpatrouille in den Berliner S-Bahnen, um gewaltsam für Ordnung zu sorgen. Andreas Kleinerts „Wege in die Nacht“ (Filmgalerie 451), der 1999 zahlreiche Filmpreise gewonnen hat, zeigt den Niedergang Walters als stilisierte Noir-Parabel. Schwarz und Weiß, viel Schatten, wenig Licht, passend zu einer Geschichte voller Grautöne. Eine gerechte Welt werde kommen, fabuliert Walter, während seine Frau zu Hause auf ihn wartet. Doch um Gerechtigkeit geht es keineswegs. Es geht um Wut, erwachsen aus einer narzisstischen Kränkung, um Paranoia – um jemanden, der aus der Spur gerät und an seinem Ego scheitert, das nicht mehr zu den Umständen passt. Die Umstände mögen zwar übel sein, doch alleinige Ursache der Katastrophe sind sie nicht. Walter, gespielt von Hilmar Thate, ist ein rechter Unsympath. Man kann ihn verstehen, das schon – aber mögen? Die Menschen sollen nach seiner Pfeife tanzen und springen. Er fordert, was ihm seiner Meinung nach zusteht, in ruppigem Ton. Der Rest der Menschheit? Alles Idioten! Und trotzdem hofft man mit ihm, leidet an seiner Einsamkeit, an seinem Niedergang in diesem traurigen, wunderbar erzählten Film.

DIE PARALLELSTRASSE

von Ferdinand Khittl

Sechs Männer in einem Raum: Einer ist der Protokollführer, die fünf anderen sind Teilnehmer an einem Spiel, das sie nicht gewinnen können. Sie müssen „Dokumente einer fraglichen Person“ ordnen aufgrund einer Tabelle, deren Gültigkeit nicht sicher ist. Die Rahmenhandlung in „Die Parallelstraße“ (Edition Filmmuseum) von Ferdinand Khittl, der 1962 das berühmte Oberhausener Manifest verlesen hat, ist absurdes Theater, intellektuelles und existenzielles Scheitern. Insgesamt 308 Dokumente sollen die Männer bearbeiten, 16 davon werden gezeigt. Das Bildmaterial haben Khittl und sein Team von ausgiebigen Weltreisen mitgebracht. Man sieht Bilder aus Schlachthäusern in Nebraska, der Film läuft rückwärts. Aus Innereien, Fell und Knochen scheinen sich Schafe wieder zusammenzusetzen, während der Protokollführer von der komplizierten Fabrikation der Tiere, ihrer Geburt, spricht. Danach die Bundesstraße 1 in den USA, die zu einem Gefängnis führt. Der Gefangene ist ein Fisch im Aquarium. Bettelmönche in Thailand, Kautschukplantagen in Malaysia, der Bau Brasilias, japanischer Kampfsport. Der Film ist freies Assoziieren, der Sprecher dekontextualisiert, behauptet, verbindet. Nur was? Wozu? „Die Parallelstraße“ ist hochabstrakte Poesie – mit Texten, Bildern und Vorstellungen. Wohlgelitten war das 1962 bei der Kritik nicht: zu metaphysisch, zu esoterisch. Khittl hat danach keinen Film mehr gedreht. Heute darf man einfach staunen über dieses seltsame Werk. Verstehen geht sowieso schief – und kein Protokollführer wird Rechenschaft verlangen. Karl Hafner

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