NEU AUF DVD : NEU AUF DVD

Karl Hafner

UV – TÖDLICHE VERFÜHRUNG

Côte-d’Azur-Sommerthrlller

von Gilles Paquet-Brenner

Ferienzeit. Die Sonne brennt, die Menschen sind wie gelähmt in „UV – Tödliche Verführung“ (Koch Media) von 2006. Eine reiche Familie – Vater, Mutter und zwei erwachsene Töchter – verbringt den Sommerurlaub in ihrer Villa irgendwo bei Saint-Tropez. Vom Swimmingpool aus hat man einen herrlichen Blick auf das azurblaue Meer. Den ganzen Tag wird nichts gemacht außer Braten (in der Sonne) und Baden. Herrliche Langeweile, wunderbare Melancholie. Fehlt nur noch Philip, der Bruder. Doch dann taucht ein Fremder auf: Boris, der sich als Philips Freund vorstellt. Er will hier auf ihn warten und wird wie selbstverständlich Teil der Gemeinschaft. Er badet, flirtet, fordert, nimmt. Die Töchter sind ganz angetan. Nur Jean-Pierre, Ehemann der einen, ist skeptisch und eifersüchtig. Er glaubt Boris seine Geschichte nicht. Er warnt und mahnt, aber niemand nimmt ihn ernst – doch schön langsam, beinahe unmerklich, kriecht eine böse Vorahnung, ein komischer Unterton in das schmal dahintreibende Geschehen. Vieles in „UV“ (der Film war bei uns nicht im Kino) wirkt allzu bekannt, doch schon die Stimmung – die zu grellen, meist etwas gegen die Sonne gefilmten Bilder, das ewige Weiß der Sommerkleidung, die zirpenden Grillen, der Wind, der die Landschaft streichelt – betäubt die Sinne derart, dass eine übliche Auflösung der Geschichte gar nicht nötig scheint. Am schönsten, man lässt das alles als Sommerhirngespinst durchgehen.

DIE TÖDLICHE MARIA

Endlich solo auf DVD: Tom Tykwers Debüt

Maria (Nina Petri) ist vierzig Jahre alt und traurig verheiratet. Auch wenn die Zeit vergeht, bleiben die Tage gleich: Ihr Ehemann demütigt sie, und ihr Vater, ein Pflegefall, spielt trotz seiner Hilfsbedürftigkeit den Despoten. In seinem Debüt von 1993, jetzt erstmals als DVD-Einzelveröffentlichung erhältlich (Warner Home) inszeniert Tom Tykwer die kleinbürgerliche Hölle einer miefigen Wohnung als geschlossenes System, aus dem nur der Blick aus dem Fenster auf einen trostlosen Hinterhof ein wenig Draußen hereinlässt. Doch genau dieser Blick, diese einzige Möglichkeit des Kontaktes für Maria verändert alles. Ein Mann aus dem Hinterhaus (Joachim Król), ein einsamer Sonderling, schaut jeden Morgen hoch zu ihr, jeden Tag ein wenig länger und intensiver. Maria verliebt sich und kann auf einmal einen Ausweg erkennen. Aus ihrer Resignation wird langsam Renitenz, aus stillem Dulden wird Hass – und man ahnt, irgendwann brechen sich all die unterdrückten Gefühle Bahn, und es wird tödlich enden. Tykwer inszenierte dieses Drama einer innerlich zerstörten Frau als beklemmendes Kammerspiel. In traumhaft-traumatischen Rückblenden erfährt man vom widersinnigen Schuldkomplex Marias, der sie in diese furchtbare Opferrolle brachte. Die Atmosphäre ist surreal, die Stimmung so gedrückt, dass man nur den Kopf einziehen möchte und auf das reinigende Donnerwetter wartet. Tröstlich: Grund für das alles ist immerhin die Liebe.

CLEAN, SHAVEN

Schizo-Psycho-Thriller von Lodge Kerrigan

Ein neuronales Gewitter, ein einziges weißes Rauschen ist „Clean, Shaven“ von 1993 (Bildstörung). Die erzählte Geschichte könnte auch einfach ein Krimi sein: Peter Winter (Peter Green), soeben aus der Psychiatrie entlassen, sucht seine Tochter, die bei ihrer Adoptivmutter lebt. Zugleich ermittelt der Polizist McNally in einer Serie von Mädchenmorden. Eine der frühen Szenen des Films suggeriert, Winter könnte der Mörder sein – jedoch findet das Geschehen außerhalb des Bildes nur auf der Tonspur statt. Was man bloß hört, könnte auch täuschen. Zudem erzählt „Clean, Shaven“ seine Geschichte aus der radikal subjektiven Ich-Perspektive des kranken Peter Winter. Diese Krankheit bestimmt hier alle Wahrnehmung. Die Bilder, die Geräusche und die Erzählstruktur ergeben sich aus seiner Schizophrenie. Stimmen nerven, Ventilatoren flattern zu laut, Stromleitungen surren vor lauter Elektrizität, und das Autoradio findet nie einen klaren Sender. Aus allen Richtungen kommen Störgeräusche. Alles ist zu viel, zu chaotisch, zu aufgeladen. Sind die Polizeisirenen echt? Was wurde gesagt? Wichtiger: Was ist damit gemeint? Was hier Wirklichkeit und was Wahn ist, wird man nie erfahren. Der Polizist McNally ist zumindest von Winters Schuld überzeugt. Beweise? Keine – außer Winters Wahnsinn.

Die Krankheit ist auch Stigma in diesem faszinierenden Filmexperiment, das versucht, Schizophrenie auf ganz eigene Weise hör- und sichtbar zu machen. Zumindest wird es zu einem schmerzhaft intimen Seh- und Hörerlebnis, weit entfernt von jeglicher Mainstreamkino-Küchenpsychologie. Karl Hafner

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