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Karl Hafner

FUSSBALLFILM

Damit ist die Sache für mich erledigt

von Jean-Jacques Annaud

Fußball und Moral – ein viel diskutiertes und dennoch leidiges Thema: Sobald Geld im Spiel ist, sind gewisse Überzeugungen in Sachen Teamgeist und Fairness dehnbar, strapazierbar, interpretierbar – und am Schluss nicht mehr allzu viel wert. Ich will gewinnen, egal wie, fordert der Präsident des Fußballclubs von Trincamp in Jean-Jaques Annauds Fußballfilm „Damit ist die Sache für mich erledigt“ von 1979 (Kinowelt). Dem Präsidenten gehört alles im französischen Städtchen: der Club, die Fabriken, ein paar Kneipen. Die Macht dieses häßlichen Monopols bekommt der Stürmer Perrin bitter zu spüren. Nachdem er den Star der Mannschaft im Training übermotiviert am Knöchel erwischt, geht es ganz schnell: raus aus der Mannschaft, Job weg, sozial geächet und jetzt auch noch das: Plötzlich sitzt Perrin als angeblicher Vergewaltiger im Gefängnis – Opfer einer Intrige. Trotz aller Gemeinheiten ist „Coup de tête“ (der französische Originaltitel bedeutet „Kopfstoß“) eine heitere, manchmal zynische Gesellschaftssatire. Fußball dient hier als Bühne der spätkapitalistischen Gesellschaft: alle für einen, und der für sich selbst. Die Spielszenen, gedreht im Stadion des AJ Auxerre, gehören zu den schönsten Kinobildern dieses Sports überhaupt – und das, obwohl sich der Regisseur nach eigener Aussage vorher gar nicht für Fußball interessiert hat.

NEO-NOIR

Der nackte Kuss

von Samuel Fuller

Die biedere Kleinstadtwelt von Grantville ist voller dunkler Geheimnisse in Samuel Fullers „Der nackte Kuss“ (1964). Er ist in der neuen DVD-Reihe Arthaus Retrospektive erschienen, die sich vor allem unbekannteren Werken großer Regisseure widmen will. Fullers Film ist ein B-Movie, wunderbares Exploitationkino, das unerhörten Kitsch neben unverhohlene Brutalität stellt. Ehrenmänner gibt es in Grantville nicht. Weder der Sheriff noch der Stadtmäzen sind vertrauensvolle Gestalten, da mögen sie auch ein noch so schönes Zahnpastalächeln im Gesicht tragen. Ausgerechnet hierher hat es die Prostituierte Kelly auf der Flucht vor ihrem Zuhälter verschlagen. Ausgerechnet hier versucht sie, ein neues Leben anzufangen – als Krankenpflegerin in einem Heim für körperbehinderte Kinder. Und ausgerechnet hier verliebt sie sich in den netten, kultivierten Superreichen, der von Venedig schwärmt, Goethe zitiert und sich dann als Kinderschänder entpuppt. Kelly wird gespielt von Constanze Towers. Bereits ein Jahr zuvor vertraute ihr Fuller die Hauptrolle in „Shock Corridor“ an, und auf diesen ebenso kleinen, gemeinen Film wird hier immer wieder Bezug genommen. Doch während „Shock Corridor“ in der Psychiatrie spielt, sind wir hier in einem wahnwitzig wirklichen Draußen.

HISTORIENEPOS

Die Schlacht um Algier

von Gillo Pontecorvo

Gesichter in Großaufnahme. Gesichter, die lächeln, die reden, die nachdenken, die nichts Böses ahnen. Ein Mann an der Theke, ein paar Frauen am Tisch, ein Kind – es sind schreckliche Sekunden, unendlich lang. Dann explodiert die Bombe. Der Terror eskaliert in Gillo Pontecorvos Meisterwerk „Die Schlacht um Algier“ von 1966, der endlich auch in Deutschland (bei Pierrot Le Fou) erhältlich ist. In Algier treffen die Rebellenorganisation FLN und die französiche Armee im Jahr 1957 aufeinander. Die FLN hat ihre Aktivitäten von den Bergen in die Stadt verlegt, um für mehr Aufsehen zu sorgen. Der französiche Colonel Mathieu versucht die Attentäter in den engen Gassen der Kasbah aufzuspüren. Die Rebellen tauchen auf, schlagen zu und verschwinden nach Belieben. Also greift Colonel Mathieu zu immer brutaleren Methoden und lässt foltern und morden, alles scheinbar für ein hehres Ziel. Ungeschönt zeigt der Film die Verbrechen beider Seiten, ohne zu vereinfachen oder zu verklären. Die Rebellen exekutieren angebliche Verräter, zivile Opfer gelten als Kollateralschäden. Die grobkörnigen und oft mit der Handkamera gefilmten Schwarz-Weiß-Bilder geben dem Film immer wieder den Anschein einer Dokumentation, und doch ist jede Szene inszeniert. Beim Zuschauen drückt es einem heute noch, 45 Jahre nach der Erstaufführung des Films – und 1000 Kriegsfilme später –, die Kehle zu. So realistisch und nah wirkt alles. Karl Hafner

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