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Karl Hafner

ERWACHSEN WERDEN (1)

Lieber wär ich Libero

von Kim Rossi Stuart

Immer etwas Besonderes sein zu müssen – das ist die Bürde des 11-jährigen Tommi in dem bei cmv Laservision erschienenen Regiedebüt, das der italienische Schauspieler Kim Rossi Stuart 2006 gedreht hat. Dabei hätte der Junge nichts lieber als normale Verhältnisse. Tommis Vater, ein freischaffender Kameramann, gespielt vom Regisseur selbst, versucht, seine Kinder – neben Tommi ist da noch die pubertierende Schwester Viola – alleine großzuziehen. Seine aufbrausende Art ist dabei wenig hilfreich, regelmäßig verscherzt er es sich auch mit seinen beruflichen Auftraggebern. Das Geld ist knapp, die Nerven liegen blank, und dann zieht auch noch Tommis psychisch lädierte Mutter wieder zu Hause ein. Alles soll gut werden, doch Tommi traut dem Frieden nicht – vielleicht ist er unterdessen schon zu erwachsen geworden für falsche Hoffnungen. Ohne große Spannungsbögen kommt dieses Coming-of-Age-Drama aus, und dennoch schaut man gespannt zu. Das Verhältnis der Figuren zueinander ist liebevoll gezeichnet, die Schauspieler sind großartig. Es sind die bloßen Mühen des Alltags, die hier alles noch komplizierter machen – und eine gehörige Portion Eltern-Ignoranz: Tommi würde gerne Fußball spielen, doch sein Vater schickt ihn in den Schwimmverein. Italienischer Meister könne er da werden. Mindestens. Fußball spielen doch alle. Es sind diese falschen Erwartungen, die viel zu hochtrabenden Träume, die wie Gift wirken in dieser sensibel erzählten, unaufgeregten Familiengeschichte.

ERWACHSEN WERDEN (2)

Deep End

von Jerzy Skolimowski

Eine wesentlich süffigere Geschichte gleichen Genres ist Jerzy Skolimowskis wunderbarer Film „Deep End“ (Koch Media) von 1970, der lange als verschollen galt und im Frühjahr auf dem Münchner Filmfest in einer restaurierten Fassung gezeigt wurde. Der 15-jährige Mike hat einen Job in einer Badeanstalt im Londoner East End angenommen und erlebt dort sein sexuelles Erwachen. Ältere Damen erwarten von ihm in den Umkleidekabinen gewisse Gefälligkeiten. Doch Mike projiziert seine sexuelle Energie auf Kollegin Susan (Jane Asher), eine rothaarige Femme fatale, kein Kind von Traurigkeit, jedoch verlobt. Außerdem unterhält die Schöne eine lukrative Affäre mit Mikes ehemaligem Sportlehrer, einem unappetitlichen Lüstling. Jede Menge Rivalen also für Mike, der sich immer besessener auf Susan konzentriert. Gedreht wurde der Film zum Teil in München, das Müller’sche Volksbad in all seiner Jugendstilpracht bildete die Kulisse für das schlüpfrige Treiben in den Umkleiden, der Soundtrack stammt von Cat Stevens und Can. Schäbig vor allem wirkt hier das sonst so lebensfrohe Swinging London. Auf der Suche nach Susan stolpert Mike durch Pornokinos und Bordelle, und schön langsam entwickelt der anfangs humorvolle Film über die Wirren der Liebe einen bedrohlich-sexuellen Unterton. Susan weiß, wie sie den Jungen manipulieren kann. Was sie damit tut, weiß sie wahrscheinlich nicht. Bereits eine der ersten Einstellungen, blutrote Farbe, verheißt kein gutes Ende. Karl Hafner

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