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Karl Hafner

GRUSELSCHOCKER

Sennentuntschi

Ähnlich langsam nur wie das tägliche Sonnenlicht muss die Zivilisation in das abgelegene Schweizer Bergdorf aus Michael Steiners „Sennentuntschi“ (Highlight) irgendwo in den Bündener Alpen gekrochen sein. Der 2010 gedrehte Film spielt Anfang der Siebziger, doch alles fühlt sich an wie im vorletzten Jahrhundert. Als während einer Beerdigungsprozession plötzlich ein unbekanntes Mädchen auftaucht und vor versammelter Menge zusammenbricht, versucht nur der dröge Dorfpolizist mehr über Herkunft und Schicksal der offensichtlich schwer Traumatisierten zu erfahren. Der Rest des Dorfes schlägt Kreuze und murmelt Gebete und will das Mädchen schnell wieder loswerden. Das Mädchen sei eine Sennentuntschi, eine zum Leben erwachte weibliche Puppe aus einer Volkssage, geschaffen von Hirten auf einer abgelegenen Hochalm, die sich dort die Einsamkeit während der Sommermonate vertreiben. Steiner zeichnet ein ganz und gar nicht subtiles Bild der Bigotterie und des religiösen Wahns. Absinth, schmutziger Sex, Dämonenglauben, Trash, Kitsch und Camp vermischen sich zu einem wuchtigen Albtraum. Die Kameraeinstellungen sind durchweg spektakulär, die karge, brillant gefilmte Bergwelt ist eine einzige Bedrohung. Warum lief so was nicht bei uns im Kino? Einen besseren, dreckigeren und gemeineren Gruselfilm aus dem deutschsprachigen Raum gab es seit einer halben Ewigkeit nicht mehr.

HORROR

Der Leichenverbrenner

Gruselfilme aus der Frühzeit des Kinos standen Pate für Juraj Herz’ „Der Leichenverbrenner“ (Bildstörung), einem tschechoslowakischen Arthouse-Horrorfilm von 1969, der seinen Schrecken vor allem aus der expressionistisch-surrealistischen Kameraarbeit und dem Wissen der Zuschauer über den Holocaust zieht. Herz war eine Randfigur der Tschechischen Neuen Welle – dabei ist dieser Schwarzweiß-Film ein Meisterwerk, die makabre Visualisierung der Psyche eines Wahnsinnigen, der zum willfährigen Helfer der Nazis und selbst zum Täter wird. Das Gemeine daran: Zu Beginn wirkt die Hauptfigur Karl Kopfrkingl, ein professioneller Leichenverbrenner, gar nicht so widerlich – zwar nervig unterwürfig, aber harmlos. Später wird ihm eine Karriere in der Partei versprochen; dafür müsse er sich nur seiner Frau und Kinder entledigen, schließlich seien sie jüdischen Blutes. Extreme Nahaufnahmen, schnelle Schnitte und der Einsatz von Fischaugen-Objektiven, die ganze Bandbreite des Avantgarde-Kinos, visualisieren Karls fragmentierten Blick auf die Welt, der allzu oft neben der Spur und dem Empfinden der anderen liegt. In einer eindrücklichen Szene denunziert Karl seine Arbeitskollegen, die er seit vielen Jahren kennt. Im Gegenschnitt zu seinen dreisten salbungsvollen Lügen sieht man die freundlichen Gesichter der Betroffenen, und es ist klar, was ihnen droht. Kurze Zeit später ist Karl Direktor des Krematoriums, die Partei hat noch größere Pläne mit ihm.

THRILLER

Tödliche Bekenntnisse

Nicht in den deutschen Kinos lief auch „Tödliche Bekenntnisse“ (erschienen im Label Pierrot Le Fou) von Jacques Audiard, dessen wunderbarer „Ein Prophet“ einer der besten (Gangster-)Filme von 2010 war. Doch auch „Sur mes lèvres“, so der Originaltitel dieses Thrillers von 2001, war bereits bestes Genrekino, raffiniert und exakt gearbeitet und weit mehr als ein simpler Crime-Film. Carla (Emmanuelle Devos) ist schwerhörig, ein Mauerblümchen, nicht weiter interessant. Doch sie hat eine Fähigkeit, die sie zu einer perfekten Komplizin macht: Sie kann Lippenlesen. Als Carla in ihrem Job einen Assistenten einstellen darf, entscheidet sie sich für den Bewerber Paul (Vincent Cassel), der keinerlei Fähigkeiten für die Stelle mitbringt, gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, ihr aber gut gefällt. Subtil entwickeln sich allerlei psychische, auch erotisch betonte Abhängigkeiten zwischen den beiden. Carla hilft Paul im Job, und bald schon liegt sie für ihn mit einem Feldstecher auf der Lauer, um den Ort für eine Geldübergabe von den Lippen eines Gangsters zu lesen. Audiards Film ist neben allen Suspense-Elementen eine langsam und gekonnt entwickelte Charakterstudie zweier Außenseiter, die ihren perfekten Gegenpart gefunden zu haben scheinen. Geschwister im Geiste, ein perfektes Team in der Arbeit – und endlich auch im Bett. Karl Hafner

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