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Karl Hafner

HOOLIGAN-HORROR

The Firm

Wie wenig Fußball und Hooliganismus miteinander zu tun haben müssen, führt Alan Clarkes „The Firm“ (Ascot Elite) von 1988 vor. Der für die BBC gedrehte Fernsehfilm ist sicher einer der besten Beiträge zum Thema Fußball und Gewalt. Nur: Fußball kommt so gut wie gar nicht vor. Einmal darf Bex (Gary Oldman), der Anführer einer Schlägertruppe, die sich Inter City Crew nennt und ihr reales Vorbild in der Inter City Firm von Westham United hat, selber kicken, doch sonst spielt sich hier alles in Kneipen oder tristen Kleinbürger-Häuschen ab. Bex ist von Beruf Immobilienmakler, er changiert zwischen liebevollem Familienvater und explosivem Gewalttäter. Nun hat er die Idee, die rivalisierenden Hooligantruppen verschiedener Vereine für die Fußball-EM auf dem Kontinent zu vereinen, um dort schlagkräftig gegen holländische Hooligans antreten zu können. Davor wird jedoch um die Chefrolle geprügelt. Die Gewalt eskaliert, jeder ist davon überzeugt, dass der andere sich nicht an Gesetze und Ehrenkodizes hält. Das Vorgehen wird immer rabiater, bald beginnen die Vernünftigeren aus Bex’ Gruppe, am Sinn dieses Lebens zu zweifeln. Der Film ist so wenig emotional wie nur möglich. Hier wird nichts überhöht, nichts voyeuristisch begafft, der Blick auf das Geschehen bleibt kalt, beinahe dokumentarisch. Eine Sozialstudie, wenn man so will. Bex will eben der Boss sein, irgendwo in seinem Leben.

VERBRECHER-DOKU

Mein Freund der Mörder

In den Medien nannten sie den Einbrecher und Räuber Bernhard Kimmel „Al Capone von der Pfalz“. In Peter Fleischmanns gleichnamigem Dokumentarfilm von 1987, den die Edition filmmuseum zusammen mit dem 20 Jahre später gedrehten „Mein Freund der Mörder“ herausbringt, ist Kimmel sichtlich stolz auf seinen Spitznamen. Zwischen 1950 und 1960 beging er 179 nachgewiesene Einbrüche, nach 1960 kam er zum ersten Mal ins Gefängnis. Danach besuchte der Regisseur mit ihm die ehemaligen Tatorte, ließ ihn reden und zeigen, sich erklären, sich selbst darstellen. Kimmel liebt die Aufmerksamkeit, die großen Gesten und das Robin-Hood-Gehabe. Hunderte Handgranaten, zurückgelassene Kriegswaffen, will er in seiner Kindheit gezündet haben. Hunderte Male habe er die Polizei hinters Licht geführt. Und eigentlich nichts Böses getan. Ein Möchtegern-Dandy, der in der Pfalz wie ein Held verehrt wurde – und auch im Film nicht unsympathisch wirkt. Die Produktion konnte erst Jahre später fertiggestellt werden, denn Kimmel wurde wegen Mordes an einem Polizisten zu lebenslanger Haft verurteilt. Er habe das nicht gewollt, sagt er, es sei ein Unfall gewesen. „Mein Freund der Mörder“ wiederum entstand 2006 und beleuchtet das Verhältnis zwischen Filmemacher und Täter. Der aus der Haft entlassene Kimmel ist noch immer voller Mitteilungsdrang, zitiert bei einem Glas Wein Rilkes Panther-Gedicht. Ein Mörder soll er sein? Nein, er habe nicht auf den Kopf gezielt, sondern darüber.

POLIT-GROTESKE

Haider lebt

Was wäre, wenn Jörg Haider noch lebte? Die Frage stellt der österreichische Schauspieler und Filmemacher Peter Kern in seiner Science-Fiction-Polit-Groteske „Haider lebt“ (filmgalerie 451), einem No-Budget-Film von 2002. Haider erfreute sich damals noch bester Gesundheit und war jener ultrarechte, erschreckend erfolgreiche Politiker, der sich vor allem mit Ausländerfeindlichkeit zu profilieren suchte. Der Film spielt im Jahr 2021, nach 20 Jahren fiktiver Haider-Kanzlerschaft und dessen Tod. Österreich gehört zu Amerika, Sprechen im Dialekt ist ebenso verboten wie das Rauchen, der Euro wurde vom Dollar abgelöst. Ein deutscher Journalist (August Diehl) reist nach Österreich, um zu beweisen, dass Haiders Tod von den Amerikanern nur vorgetäuscht wurde. Dort isst er die Gurkenmaske, die er der Ex-Vizekanzlerin und Haider-Intima Riess-Passer ins Gesicht legen soll, raucht Joints mit den letzten noch lebenden Sozialisten, und im Burgtheater spielen sie seit Jahren das immergleiche Stück über Bush und Bin Laden. Aus heutiger Sicht mag manches aus der Zeit gefallen sein, vor allem mit Blick auf Haiders Unfalltod 2008. Doch als Kommentar auf den alltäglichen Rassismus, die Dummheit und das ewige Selbstmitleid einer ganzen Gesellschaft taugt der Film immer noch – und zum Totlachen ist er allemal. Karl Hafner

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