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Karl Hafner

A BEGINNER’S GUIDE TO ENDINGS

Jonathan Sobols schwarze Komödie

Alles geht den Bach runter, den Fluss und schließlich die Niagarafälle. Duke White (Harvey Keitel) mag nicht mehr weiterleben. Recht albern versucht er abzutreten in Jonathan Sobols bei WVG Medien erschienenem Debüt von 2010, das bei uns nie ins Kino kam. Von Sobol stammt auch das Drehbuch, das mit viel Verve und einem Haufen schriller Einfälle durch die Handlung rast. White hat das Leben seiner recht nutzlosen Söhne versaut – für ein paar hundert Dollar, die es gab für Medikamententests an seinen Sprösslingen. Mit schlimmen Folgen: Drei Söhnen bleibt nur noch eine kurze Restlebenszeit. Also tun sie, was sie schon immer tun wollten – sie ringen mit dem inneren Schweinehund, sprechen Mädels an, prügeln sich mit dem Ex, boxen im Ring – und wie es sich für Loserkomödien gehört, greifen Handlungsstränge auf absurdeste Weise ineinander, und am Schluss haben sich alle lieb. Die Familie, auch die chaotischste, dieses hochheilige Gut des amerikanischen Kinos, ist gerettet. Es sei ihr vergönnt. Schließlich hat sie hier genug erlitten, um für eine Menge gelungener Komik zu sorgen.

GANDU-WICHSER

Ein wilder Trip – fernab von Bollywood

Ein ödes Leben führt Gandu in diesem vor zwei Jahren gedrehten Film des Inders Kaushik Mukherjee (Bildstörung), der sich in den Credits zu diesem wilden und ruppigen Trip nur Q nennt, einem Trip fern von Bollywood, Kitsch, wallenden Gewändern, Liebe und „Alles wird gut“. Gandu ist genervt vom Leben bei seiner Mutter, beklaut deren Sex-Partner oder vertreibt sich die Zeit mit Pornos. Was ihn einzig interessiert, sind seine wütenden, über Punkrock gebellten Raps, die den Film wie ein Kommentar durchziehen. Aus der Musikerkarriere wird nichts, also setzt er auf den täglichen Kauf von Lotterielosen. Dann lernt er den Bruce-Lee-Fan Riksha kennen, der die Sinnlosigkeit des Lebens in Sex- und Drogenexzessen zelebriert. Schon laufen die Bilder rückwärts oder stehen Kopf. Bald folgt der Absturz, was ist gewesen, was war Rausch? Der Film zerfasert, zerfließt und macht aus der einen Realität zwei, drei, viele. Knallhart und körperlich ist das alles, voll pulsierender Energie und Wut. Gedreht wurde viel in Schwarz-Weiß, und genau deshalb wirkt die Explosion von Farben bei jener Sexszene, die das Zentrum des Films und seinen Ausweg bildet, wie ein visueller Orgasmus. „Gandu Wichser“ ist aufregendes UndergroundKino, das nach einer Lösung gar nicht erst sucht. Hier ist alles erst einmal Dekonstruktion.

JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN

Peter Fleischmanns Klassiker

Betrachtet man heute die Verfilmung von Martin Sperrs Theaterstück „Jagdszenen aus Niederbayern“ (Kino Kontrovers) von 1968, entdeckt man darin allerlei Stilmittel aus Michael Hanekes „Das weiße Band“ wieder. Vor allem gilt dies für jenes aus der Zeit gefallene Schwarz-Weiß, das auch eine Geisteshaltung symbolisiert – hier wir, dort die anderen, und: Es darf nicht sein, was man nicht kennt. Abram, gespielt von Martin Sperr selbst, kehrt zurück in sein Heimatdorf. Dort zerreißt man sich gleich das Maul: Der Abram, der sei doch im Gefängnis gewesen in Landshut, wegen unsittlichen Verkehrs mit Männern. Schon ist er Ziel von Hohn und Spott und Angriffen der Dorfgemeinschaft. Nur Hannelore (Angela Winkler), als Dorfhure verschrien, ist in einer ähnlichen Außenseiterposition. Als sie schwanger wird, angeblich von Abram, kommt es zur Katastrophe. Auch heute noch drückt es einem die Kehle zu angesichts der Bigotterie und der tödlichen Dynamik, die ein rechthaberischer Mob entwickeln kann. Ganz anders als in heutigen Heimatfilmen ist das Dorfleben hier kein Idyll, sondern die Hölle. Karl Hafner

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