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SCIENCE FICTION Das 10. Opfer, Regie: Elio Petri (Bildstörung) Leben Sie gefährlich, aber leben Sie nach dem Gesetz! Das ist das Mantra jener Science-Fiction-Parallelgesellschaft, die Elio Petri in seiner 1965 erschienenen Pop-Fantasie „Das 10. Opfer“ in der prallen Farbenfreude der Swinging Sixties zeigt. Der Film handelt von einer Menschenjagd, organisiert als großes Gesellschaftsspiel für die Massenmedien – und als Aggressionsventil der Menschheit. Hier verhindert legalisiertes Töten ganze Kriege. Zehn Jagden – fünf als Opfer und fünf als Jäger – muss jeder Teilnehmer überstehen, um das Preisgeld zu gewinnen. Caroline, gespielt von Ursula Andress, hat bereits neun Jagden hinter sich. Jetzt wird ihr Marcello (Marcello Mastroianni) als Opfer zugelost. Es wird getäuscht und getrickst, verführt und kokettiert. Das Opfer weiß nicht, wer der Jäger ist. Die Jägerin will ihr Opfer im Tempel der Venus in Rom töten, vor den laufenden Kameras einer Werbefirma. Recht bizarr ist das alles, schön anzusehen mit all den retrofuturistischen Interieurs und trotz aller Sozialkritik, die hier kübelweise ausgeschüttet wird, vor allem komisch. Ständig laufen im Hintergrund Jäger und Gejagte durchs Bild und schießen aufeinander im Stil und mit der Effizienz von Kindern bei ihren Cowboyspielen. Die größte Sorge der Polizei scheinen Falschparker zu sein und über der ganzen Szenerie liegt ein wunderbares Ennui, in das man gerne versinkt, während eine Hammondorgel Easy-Listening-Songs dudelt.

DOKUMENTARFILM Knuckle, Regie: Ian Palmer (Universum) Eigentlich hatte Ian Palmer ein Hochzeitsvideo für eine irische Travellerfamilie drehen wollen, doch als er von deren ewiger Fehde mit anderen Travellerfamilien erfuhr, wurde ein Faustkämpferfilm daraus. Über zwölf Jahre hinweg begleitete Palmer die Quinn McDonaghs, die Joyces und die Nevins – alle irgendwie miteinander verwandt – bei ihren Streitigkeiten und gewährt damit einen faszinierenden, unvoreingenommenen Einblick in eine seltsame Subkultur, in der für Ehre, Ruhm und Familie alles getan wird. Über die Gründe für die Streitereien redet niemand gerne. War der Vorfall vor zwanzig Jahren der Auslöser oder einer vor fünfzig? Zur kurzfristigen Konfliktbewältigung hat man einen archaischen Ritus entwickelt. Die Familien treffen sich irgendwo auf Feldwegen oder Parkplätzen zu Bareknuckle-Kämpfen, zu Boxkämpfen ohne Handschuhe, bis einer der Kämpfer k. o. geht oder aufgibt. Das alles folgt strengen Gesetzen, zwei Schiedsrichter wachen penibel über die Einhaltung der Regeln. Geprügelt wird für die Ehre, für den Ruhm, die bessere Familie zu sein, und um viel Wettgeld. Nach dem Kampf ist alles gut für kurze Zeit, dann passt jemandem die Nase des anderen nicht und es geht wieder los. Der nächste Kampf, die nächsten blutigen Gesichter, das nächste Drama. Das alles wäre der perfekte Stoff für eine Fernsehserie, dachte man sich beim amerikanischen Sender HBO und beauftragte Irvine Welsh mit dem Drehbuch.

HORROR Ekel, Regie: Roman Polanski (Pierrot Le Fou) Der Trip in den Wahnsinn ist selten eindrucksvoller gezeigt worden als in Roman Polanskis „Ekel“, jenem britischen Horrorfilm, der 1965 sowohl Polanski als auch Catherine Deneuve den internationalen Durchbruch verschaffte und jetzt in einer schönen 3-Disk-Edition erschienen ist. Die introvertierte Carol lebt mit ihrer Schwester in einer WG, aber doch in ihrer eigenen Welt. Annäherungsversuche von Männern sind ihr unangenehm, sie ekelt sich davor. Den verheirateten Geliebten ihrer Schwester hasst sie regelrecht. Als sie für zwei Wochen alleine ist, verbarrikadiert sie sich und verliert vollends den Bezug zur Realität. Die Schatten werden länger, die Räume dehnen sich aus, die Texturen werden rissig, aus den Wänden wachsen Hände, Männergestalten geistern durch die Wohnung. Als Carols Verehrer nach dem Rechten sehen will, erschlägt sie ihn. Das alles wird aus der Sicht der psychotischen Frau gezeigt, ohne Psychoanalyse, ohne Grund und Ursache. Das Außen wird zum Spiegel einer zerrütteten Seele, und bald regiert nur noch Paranoia, die kein Gut und Böse mehr kennt. Produziert wurde der Film von einer kleinen Firma, die sich auf Softpornos spezialisiert hatte. Die großen Firmen verpassten die Chance auf ein Meisterwerk. Neben dem Film auf DVD und Blu-ray, einem Audiokommentar von Deneuve und Polanski enthält die Edition auch eine Dokumentation, die über die Hintergründe des Films informiert.

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