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Karl Hafner

TAUSENDSCHÖNCHEN

von Vera Chytilová

Marie und Marie lassen es krachen. Im verrücktem „Tausendschönchen“ (Bildstörung), einem Kultfilm der tschechoslowakischen Neuen Welle von 1966, haben die Frauen für ihre Eskapaden eine bestechende Begründung: Die Welt ist verdorben, also lass uns auch verdorben sein. Als Erstes wird ein älterer Mann ausgenommen, sein unverschämtes Frauenbild macht es leicht. Kokettes Kindgetue, ein wenig Wimpernklimpern und schon ist die Rechnung bezahlt und der Magen voll. Dann wird auf einer Tanzveranstaltung ausgiebig gegrölt, geschlemmt und randaliert. Und so geht’s weiter: Getan wird, was Spaß macht und sonst gar nichts. Eine stringente Handlung gibt’s nicht, der Film ist kein Protestaufruf, und am Ende erwartet die aufmüpfigen Mädels sogar eine „gerechte“ Bestrafung. Und doch wurde „Tausendschönchen“ sofort zensiert. So viel schrille Albernheit und boshafte Komik, so viel anarchisches Spiel mit Norm und Form waren zu viel: Schwarz-Weiß, monochrom, Farbe, grelle Solarisierungen, assoziierende Schnitte, Jump-Cuts. Und irgendwann zerschneiden Marie und Marie auch noch den Film, in dem sie gerade mitspielen! Die zauberhafteste Mischung aus Slapstick- und Experimentalfilm, seit es Kino gibt.

STRAFPARK

von Peter Watkins

Wie wütend und offen systemkritisch dagegen „Strafpark“ von 1971 (Kino kontrovers). Zensiert wurde der Film damals nicht, nach dem Auftritt in Cannes aber nie im Kino oder im Fernsehen gezeigt. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs und der Studentenunruhen entwirft Watkins ein finsteres US-Szenario: Eine russische U-Boot-Flotte liegt vor Kuba, der Krieg in Fernost hat Seoul erreicht, in den USA herrscht Ausnahmezustand. Kriegsgegner und andere Abweichler werden vorsorglich in Straflagern irgendwo in der Wüste interniert und zu drakonischen Strafen verurteilt. Wer seine Haftzeit abkürzen will, darf an einem Spiel teilnehmen: Er muss es 50 Kilometer ohne Wasser durch die Wüste schaffen und seinen Verfolgern entkommen. „Strafpark“ ist eine fiktive Doku, ein Filmteam begleitet die Strafgruppe 637, die sich für das Spiel entschieden hat. Die kontrastarmen 16mm-Bilder sind grobkörnig, der Film ist ruppig inszeniert – und bald stellen sich angesichts der ausweglosen Atmosphäre beim Zusehen neuere Bilder ein: Abu Ghraib, Guantanamo.

RAMPART

von Oren Moverman

Dave Brown vom LAPD ist ein harter Hund, einer, der die Drecksarbeit macht und eine Menge interner Ermittlungen und Disziplinarverfahren heraufbeschwört. Im CopThriller „Rampart“ von 2011 (Ascot Elite) gibt Woody Harrelson kongenial den prototyischen Bad Lieutenant: Ehen kaputt, Freundschaften am Boden, Drogen, Gewalt, die Selbstachtung im Eimer. Schon in Movermans gefeiertem Debüt „The Messenger“ spielte Woody Harrelson einen Soldaten, der an der Heimatfront Angehörige vom Tod ihrer Nächsten im Irak unterrichten muss: Hier gibt er einen Zyniker, der vor laufender Videokamera einen Menschen totprügelt und dadurch Objekt der Fernsehberichterstattungen wird. Nun ließe sich an ihm ein Exempel statuieren, ein paar Jahre nach dem Rampart-Skandal von 1999, der die LAPD erschütterte. „Rampart“-Thriller-Autor James Ellroy schrieb das Drehbuch zusammen mit Moverman – ist eher Charakterstudie denn Kriminalfilm: Browns Leben zerfällt in zahlreiche Subplots. Irgendwann ist er ein Getriebener seiner Selbst. Hier ist ein Mann auf den Weg nach ganz unten, selbst verschuldet. Und die stechende Sonne, die schweißtreibende Hitze und das grelle Licht machen Los Angeles auch visuell zur Hölle. Karl Hafner

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